„Emilia Galotti“ am Theater Oberhausen
08.03.12 19:30

Der Bühnenboden ist mit den Namen sämtlicher Figuren des Stücks sowie dem des wesentlichen Requisits: „Dolch“ bunt beklebt. Nicht genug damit, erscheinen der Reihe nach in Großbuchstaben VATER, PRINZ, MUTTER, ORSINA auf der Brandmauer. Menetekel in massiver Säulenschrift, die erst der Zoom auf Normalmaß schrumpft. So wird die Projektion von Rollen und ihrer Bedeutung wunderbar bildhaft: als erdrückender oder sich verdünnisierender Namenszauber. 

Mit chorisch wiederholtem „Bitte, bitte“ reiht sich das Elfer-Ensemble an der Rampe, nimmt die vorgezeichneten Plätze ein und begleitet den ersten Auftritt des Prinzen von Gonzaga mit plapperndem Singsang. Lessings bürgerliches Trauerspiel als Opera buffa, vom Piano umspielt, von Lichtkegeln umtanzt, in giftige Farben getunkt und mit flinker Zunge exekutiert. 

Auch bei dem Regisseur und Bühnenbildner Herbert Fritsch behält das Stück zur Saisoneröffnung am Theater Oberhausen etwas Unaufhaltsames, eine innere Zwangsläufigkeit, die mit der Präzision eines Uhrwerks abläuft. Die Mechanik der Katastrophe: bis zum Tod der Emilia Galotti. Von Anfang bis Ende scheint  die Haltung des Dramas: atemlose, gehetzte Bewegung. Parallel zum inneren Aufruhr, dem pochenden Herzen der Emilia, die ihr heißes Blut entdeckt.  

Zuerst lauert ihr der verliebte Prinz während der Morgenmesse auf; sie flüchtet sich ins Elternhaus; mit dem Verlobten Appiani nimmt sie die Kutsche – fort zu dessen Landsitz; dann der Überfall durch die Mordbuben des Marchese Marinelli und die Verschleppung der Trophäe Emilia auf des Fürsten Lustschloss Dosalo; die Ankunft der Mutter, des Vaters, der betrogenen Favoritin Orsina; schließlich Emilias Fall durchs Messer, um der Entehrung zu entgehen. 

Des Bürgers gute Stuben – wahlweise der Adelssalon – sind für Fritsch Orte des Triebstaues. Zum Überschnappen. Fritsch killt das Drama und lässt es mit hohem Effekt als erotische, moralische, feudale Posse auferstehen. Es summt und schwirrt ein aufgestachelter Schwarm mit Wespentaille, Allongeperücke und Spitzenjabot, geschraubt in die Deklamation, gedreht ins Gefuchtel, gesteigert bis zur Koloratur. 

Geschminkte Larven überformen jeden natürlichen Ausdruck. Konflikte geraten taumelnd außer Facon und gerade in der Auflösung zur Kenntlichkeit. Der Prinz (Martin Hohner) – ein überzüchteter Popanz; Marinelli (Jürgen Sarkiss) – ein perfider, spillerig zebragestreifter Harlekin; Emilia (Angela Falkenhan) – ein kostbar beseeltes Spielzeug; Orsina (Nora Buzalka)– eine Megäre von rotierendem Verstand; Odoardo Galotti (Torsten Bauer) – versteifter Ehrenmann im Ufa-Tonfall; Appiani (Martin Müller-Reisinger) – ein raspelnder Tropf usw. 

Aber nur nicht täuschen lassen von der Fratze! Brutalität, auch wenn sie Mozart auf den Lippen führt, liegt hier unter dem Artifiziellen, Gemeinheit nistet im Grinsen, Mördertum im melodramatischen Überschwang. Zudem schafft sich die gut zweistündige Inszenierung an zentralen Stellen Schweigeminuten und Inseln der Besinnung: ein todbetrübtes Innehalten mit Lento-Tempi in den Presto-Kaskaden. Die brillant geschliffene, perfekt konstruierte und ebenso souverän ausgeführte Wahnsinns-Nachtmusik setzt einen Maßstab. 

 

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