„Elefant im Raum" – Barbara Wachendorffs „Projekt zum Überleben“ im Schloss
bis 31.05.12
Lukas ist überall. Das Spielzeugauto und die Gitarre, die Plüschratte und selbst die weißen Möbel erinnern seine von Katja Stockhausen und Matthias Heße gespielten Eltern ständig an ihren Sohn. Dabei wollen die beiden den Tod ihres Kindes einfach nur vergessen, unter den Teppich kehren, so wie es seine Mutter mit Lukas’ Jeansjacke gemacht hat. Doch nun ist da eine riesige Welle im Boden, die sich nicht wieder glatt drücken lässt, so hysterisch sich die Darstellerin auch bemüht. Schließlich holt sie die Jacke wieder hervor und findet in ihr einen handgeschriebenen Zettel, die Gedanken eines an Krebs erkrankten Kindes.
Der unendliche, das eigene Leben fast unerträglich machende Schmerz ist die eine Konstante in Barbara Wachendorffs Stückentwicklung, die sie selbst als „Ein Projekt zum Überleben“ bezeichnet. Dieser Untertitel ist bewusst doppeldeutig gehalten. Schließlich haben die 18 Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die den Theatermachern von ihren Erfahrungen mit Krebs und anderen lebensbedrohenden Krankheiten erzählt haben, überlebt. Ihr Mut und ihre Hoffnung, ihr Kampfgeist und Lebenswille sind die andere Konstante und dabei zugleich eine Aufforderung an die von Trauer zerrissenen Eltern, auch zu überleben.
Gegen Ende, der Schmerz der Zurückgebliebenen treibt das Elternpaar zu immer (selbst)zerstörerischeren Handlungen, greift einer dieser jungen Menschen, der 22-jährige Thao Pham, bei dem 2006 Morbus Hodgkin diagnostiziert wurde, per Skype in das Geschehen ein. Seine Live-Intervention auf einem der Fernsehschirme, die über der Bühne in Moers hängen, ist ein Weckruf, eine Aufforderung, den Tod, aber vor allem das Leben mit anderen Augen zu sehen.
Einmal stürmen zwei junge Frauen auf die Bühne. Die Schauspieler verwandeln gerade die Erfahrungsberichte der Jugendlichen in eine Art Wettkampf – getreu dem Motto: Wer hat Schlimmeres erlebt und ausgehalten? Zunächst sieht es noch so aus, als ob sich auch Janise Ebbertz und Lisa Gräf, die beide den Krebs besiegt haben, an diesem Leidensmessen beteiligen würden. Doch sie tragen ihre Erlebnisse mit einer solchen Sachlichkeit und analytischen Distanz vor, dass sich Stockhausen und Heße beinahe zwangsläufig in den Hintergrund zurückziehen.
Als die beiden wieder nach vorne kommen, inszenieren sie eine perfide Kinder-TV-Show, die Krankheiten und Leid rein sensationalistisch aufbereitet. Aber selbst das, dieser alltägliche Zynismus der Medien, prallt an Janise Ebbertz ab. Sie und die anderen Betroffenen eröffnen eine unsentimentale, aber von Hoffnung und Zuversicht durchdrungene Perspektive auf gleich zwei Elefanten im Raum: Krebs und Tod. Das Dokumentarische wird damit zum entscheidenden Korrektiv in Wachendorffs Annäherung an beide, die zugleich auch den Auftakt zu der vom Schlosstheater Moers in Kooperation mit Wohlfahrtsverbänden und Stiftungen erarbeiteten Projektreihe „Über/Gehen“ gegeben hat.
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