Die Toten Hosen

Das Jahr 1982 war für Deutschland im doppelten Sinne geschichtsträchtig. Nicht nur wurde Helmut Kohl Bundeskanzler in Bonn, auch ein paar Kilometer rheinabwärts ging es um Großes. Laut schallte es aus einem billigen Tonstudio: „Wir sind bereit“. So hieß die erste Single einer Düsseldorfer Band, bei der anfangs aus Prinzip so gar nichts stimmte. Die Instrumente waren nur teilweise in spielfähigem Zustand, aber genau das verband sich aufs Beste mit dem demonstrativen Nichtkönnen der einzelnen Musiker, die indes trotzdem etwas vorhatten. Immer noch beseelt vom Geist der späten 70er-Punkjahre, wollten sie den Spirit einer Bewegung weiter tragen, die anders sein sollte als die großen Rockdinosaurier vom Schlage Yes, Pink Floyd und Emerson, Lake & Palmer.

Die fünf Rheinländer Punks spielten, wo immer es eine Steckdose gab, und verwandelten brave Partys in wilde Gelage. 1986 waren sie sogar in den Partykeller des niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht geladen. Natürlich nicht vom Amtsträger, der auf einem Termin weilte, sondern von einem seiner Söhne. Ob Tochter Ursula (die spätere Ministerin von der Leyen) bei der wüsten Angelegenheit auch anwesend war, ist nicht überliefert. Natürlich geriet bei den Toten Hosen immer jede Menge Altbier nebst härteren Sachen ins Spiel und ins Blut. Nicht ohne Grund hieß ein weiterer Frühhit „Bommerlunder“, benannt nach einer 40-prozentigen Spirituose. Eine Hymne unter den ersten Fans.

Noch 1985 gab es bei der Mehrzahl der Konzerte Ärger in jedweder Form. Wo es anzuecken galt, waren die von den Fans zärtlich „Hosen“ abgekürzten Düsselrocker vor Ort. Ob sie vor Gericht eine Kopie des Volksmusiksängers Heino unterstützten oder zeitweise Auftrittsverbot auf Helgoland bekamen, stets waren die fünf Fans des örtlichen Fußballclubs Fortuna in vorderster Reihe aktiv. Und als sich die Platten auf einmal nicht mehr nur regional, sondern bundesweit zu Verkaufsrennern entwickelten, leisteten sie sich auch mal einen Identitätswechsel. Als „Die Roten Rosen“ spielten sie Schlager im Punkgewand und fanden selbst dafür Abnehmer.

Es folgte Platte auf Platte, Tournee auf Tournee, und stets wurde alles einen Tick größer. Inzwischen sind die „Hosen“ Deutschlands erfolgreichste Rockband. Ihr Name muss nur leise an der Hallentür geflüstert werden, damit die Konzerte ausverkauft sind. Sänger Campino gilt längst als Ikone seiner selbstverwalteten Einmannkultur. Der Mann, den sie in der Band wegen seiner vielen salbungsvollen Worte stets den Prediger nannten, spielte in der Dreigroschenoper ebenso mit wie in Wim Wenders' Film „Palermo Shooting“.

Immer noch fühlen sich die Hosen ihren musikalischen Wurzeln verpflichtet. Sie verwalten das Erbe des Punks mit Sorgfalt, leisten sich aber immer wieder auch besinnliche Töne. Etliche ihrer Lieder sind Hymnen für all jene geworden, die meinen, den Geist des vermeintlich Aufmüpfigen aus sich herausbrüllen zu müssen. Allerdings ist nicht zu verkennen, dass sich der Massengeschmack der Band zugewandt hat. Auf „Hosen“-Konzerten sieht man Väter, Söhne und Enkel in Einigkeit dieselben Melodielinien grölen.

Auch wenn immer wieder mal der Schlagzeuger gewechselt wurde, blieb die Restband doch das, was sie schon 1982 war: eine ziemlich wilde Truppe von Freunden, die keine Lust haben auf Einerlei und stattdessen laut heraus schleudern, was sie stört. Dass man damit auch Millionär werden würde, hat bei der Gründung keiner geglaubt. Und oft sehen die „Hosen“ bei ihren Konzerten auch heute noch aus, als könnten sie das alles nicht glauben. Wahrscheinlich macht genau das ihren dauerhaften Erfolg aus.

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