Die Heinzelmännchen

Das Heinzelmännchen gibt es nicht. Es gibt nur die Heinzelmännchen. Dabei handelt es sich um stets in der Gruppe auftretende Geschöpfe unbekannten Aussehens und unbekannter Größe, wobei das „chen“  darauf hinweist, dass wir es vermutlich mit sehr kleinen Lebewesen zu tun haben. Ob die gattungstypische Kopfbedeckung der Heinzelmännchen – von Heinzelweibchen ist nichts bekannt – die Zipfelmütze ist, kann aus Gründen, die weiter unten erläutert werden, nicht letztgültig entschieden werden. Unstrittig aber ist das rastlose Bemühen der Heinzelmännchen, uns Menschen nachts unentgeltlich die Arbeit zu erledigen. Ein Ausmaß von Selbstlosigkeit, das dafür sprechen könnte, dass es Heinzelmännchen gar nicht gibt.

Wie dem auch sei, es soll sie gegeben haben. Sie lebten in Köln, und zwar bis etwa ins letzte Viertel des 18. Jahrhunderts, wenn man dem Kölner Schriftsteller Ernst Weyden Glauben schenken darf, der sie 1826 erstmals in einer Erzählung erwähnte. Auch er musste einräumen, dass es sich bei den fleißigen Wichten schon damals um ein vergangenes Phänomen handelte. Der Grund für das Immer-schon-vergangen-Sein  der Heinzelmännchen ist ein einfacher: Einerseits gibt oder gab es die Heinzelmännchen, sonst könnte man nicht über sie reden und Geschichten und Gedichte über sie schreiben. Und: Wenn es sie nicht gegeben hätte, könnten sie natürlich auch nicht verschwunden sein. 

Andererseits gibt oder gab es die Heinzelmännchen nicht, denn eines ihrer Merkmale ist ja gerade, dass sie noch nie jemand gesehen hat, ja dass sie gerade beim Versuch, ihrer ansichtig zu werden, sofort verschwinden. So erzählt es Weyden und so erzählt es die Ballade von August Kopisch aus dem Jahre 1836, die jeder kennt: „Wie war zu Cölln es doch vordem / Mit Heinzelmännchen so bequem! Denn war man faul, ... man legte sich / hin auf die Bank und pflegte sich. / Da kamen bei Nacht, eh' man's gedacht, / die Männlein und schwärmten / und klappten und lärmten / und rupften und zupften / und hüpften und trabten / und putzten und schabten – / und eh ein Faulpelz noch erwacht, / war all sein Tagwerk ... bereits gemacht! “

Des Schneiders Frau aber, so geht die Geschichte weiter, war begierig, die unsichtbare Nachtschicht zu Gesicht zu bekommen, und streute daher abends Erbsen auf die Treppe, damit die Helferlein hinfallen und liegen bleiben sollten. Das durchschauten diese aber und waren von da an weg. Warum wollten die Heinzelmännchen nicht gesehen werden? Ernst Weyden behauptete, sie waren „nackende Männchen“; vielleicht ist das der Grund: Sie schämten sich.

Sprachforscher und Kulturhistoriker glauben herausgefunden zu haben, Heinzelmänner seien Bergleute gewesen, vielleicht sogar Kinderarbeiter, die die unterirdischen, Heinzenkunst genannten, spätmittelalterlichen Wasserförderungsanlagen bedienten. Nachdem man sie nicht mehr brauchte, hätten sie nachts in Kölner Handwerksbetrieben Schwarzarbeit ausgeübt. Das ist natürlich Unsinn. Der beste Beweis für die Existenz von Heinzelmännchen ist dieser Artikel: Er fand sich eines Morgens fix und fertig auf dem Computer.

 

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