Die Böhms sind eine Architekten-Familie aus Köln – fast möchte man sagen: eine Architekten-Dynastie, denn die Männer dieses Hauses sind nun schon in der vierten Generation Baumeister. Der erste berühmte Böhm war Dominikus (1880-1955), er zog aus dem Schwäbischen an den Rhein und errichtete im Westen vor allem zahlreiche Kirchen. Diese Sakralbauten, die in Essen, Köln oder Dülmen stehen, haben alle etwas Erhaben-Gefasstes und Schlicht-Monumentales, sind aber nie erdrückend und überraschen mit Innenräumen, die die Gemeinde ins Zentrum rücken. Sie gelten als wegweisend für den Kirchenbau des 20. Jahrhunderts.
Kirchen waren lange Zeit auch das bevorzugte Bauziel von Gottfried Böhm, dem jüngsten Sohn von Dominikus. Er wurde 1920 geboren; während sein Vater zugleich Musiker war, ist Gottfried auch gelernter Bildhauer – vielen seiner Bauwerke sieht man das skulpturale Denken an. Gottfried Böhms bekanntestes Werk ist die Wallfahrtskirche in Neviges; sie bietet (neben dem Kölner Dom) gewiss eines der faszinierendsten Raumerlebnisse in Nordrhein-Westfalen. Diese Kirche besitzt gewissermaßen zwei Körper: Der äußere ist ein geduckter, zu unregelmäßigen Wänden, Spitzen und Schrägen zerbrochener Block von mäßiger Größe. Der innere ist ein in die Höhe schießender, sich in immer neue Richtungen öffnender Raum von gefühlt doppeltem Ausmaß. Dieser Raum kennt keine Decke und kein Gewölbe, er schließt sich wie ein Kristall mit mehreren Firstpunkten in über 30 Metern Höhe selber. „Geborgen wie die Romanik, erhoben wie die Gotik“, so müsse eine Kirche sein, hat Böhm einmal formuliert. Dem Beton, den er lange Jahre als Werkstoff bevorzugte, brachte er das Schweben, Streben und Fliegen bei. Für den Nevigeser Dom (1973), für sein Rathaus in Bensberg/Bergisch Gladbach (1967) sowie für die Hauptverwaltung Züblin in Stuttgart (1985) wurde Gottfried Böhm 1986 als bislang einzigem Deutschen der Pritzker-Preis verliehen; sozusagen der Nobelpreis für Architektur.
Böhm hat immer wieder Innenräume geschaffen, die wie Außenräume wirken, und umgekehrt – dies könnte man sein Markenzeichen nennen. Ansonsten ist Gottfried Böhms Handschrift eine, die im Laufe seines langen Lebens immer variierte, so als hätte er bei jedem Bau das Bauen neu erfunden. Das „Bauhaus“ hatte gefordert, Architektur müsse funktional sein; diesem Diktat ist Gottfried Böhm nie gefolgt. Im Gegenteil: Für ihn muss Architektur „Sinn besitzen“. Diese Haltung vermisse er bei der zeitgenössischen Baukunst oft. Sie ist ihm wohl zu eitel.
Gottfried Böhms bislang letztes Werk ist das Hans-Otto-Theater in Potsdam. Noch immer arbeitet er im Architekturbüro der Familie in Köln, wo er und seine Söhne Stefan, Peter und Paul Böhm sich oft zu gemeinsamen Gesprächen und Projekten treffen. Die drei sind ebenfalls renommierte Architekten – Paul (geb. 1959) ist in jüngster Zeit bekannt geworden, weil ihm der Neubau der türkischen Zentralmoschee in Köln übertragen wurde. Den Böhm-Architekten einen Familienstil zuzuschreiben ist vielleicht ein bisschen vermessen, trotzdem gibt es etwas, das sie alle verbindet: Sie bauen nie protzig, nie mit Beherrschungswillen. Und wenn sie groß bauen, dann mit einem Lächeln.