„Der Name der Leute“ von Michel Leclerc

Wie am Schnürchen spult Michel Leclerc zunächst die Herkunft seiner beiden Hauptpersonen ab. Dass die Lebenslinien von Eltern und Kindern sich dabei verheddern, ist natürlich Absicht, macht die Sache aber nicht einfacher.

Arthur Martin (angeblich heißen 15.000 Franzosen so und darüber hinaus auch noch ein bekannter Elektrogerätehersteller) scheint der ideale Vertreter des französischen Mittelstandes zu sein. Bei Bahia hört sich das schon anders an. Brasilianerin? Falsch! Ihr Vater stammt aus Algerien, die Mutter aus der Pariser Großbourgeoisie, hat aber Verrat an ihrer Klasse geübt und als linke Hippiebraut in dem nordafrikanischen Schwarzfuß Mohamed den für sie passenden Partner erkannt: die Eheschließung als politische Demonstration. Ziemlich anstrengend, dieser Mann, diese Frau und diese Familiengeschichten. 

Tochter Bahia folgt der mütterlichen Protestnote, praktiziert die sexuelle Revolte, wittert überall Faschisten und schläft mit diesen Kerlen, um sie sozusagen umzudrehen. Was soll so eine Make love-Aktivistin, die aus lauter Vergesslichkeit gegenüber bürgerlichen Gepflogenheiten auch mal nackt in die Métro steigt, mit einem dezent zwanghaften, braven, scheuen, grundsoliden Veterinär und Ornithologen? Als Arthur gerade über die Vogelgrippe doziert, legt sie ihr Veto ein, weil sie schon in der Selektion der infizierten Tiere Diskriminierung wittert.

Aber Arthur Martin ist auch nicht das, wofür er sich selbst gern halten würde: ein normaler Franzose. Seine Mutter, eine Cohen, ist Jüdin, deren Eltern in Auschwitz ermordet wurden. Darüber spricht man nicht. Assimilation bis zur Verleugnung. Überall Tabuzonen, die das Körperliche ebenso einfrieden wie das Seelische, während Bahia alle Grenzen stürmt. Kann das gut gehen? Ja, gerade. Sein (Jacques Gamblin) Prinzip heißt Vorsicht, ihres (Sara Forestier): nur keine Nachsicht. 

Ein Komödienstoff, der mit Identität und Nationalität, Kolonisation, Neurosen, Obsessionen und Traumata so ungeniert umspringt, dass einem die Spucke wegbleibt. Lehrstückchen:wie Mohamed auf seinen  sozialen Minderstatus mit Helfer-Syndrom reagiert und Rücksichtnahme bis zum Selbstverschwinden praktiziert; wie Arthur Martin als pubertierender Schüler sein jüdisches Outing taktisch betreibt, um bei den Mädchen anzukommen, dann aber die ritualisierte Trauerarbeit über den Holocaust empfindlich stört. „Der Name der Leute“ ist unverkrampft, witzig, relevant, durch und durch vertrackt und schafft es auch noch, Lionel Jospin auftreten zu lassen. 

 

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