Das Bonner Opernhaus hat sich auf das selten gespielte Repertoire des frühen 20. Jahrhunderts spezialisiert. Nach Eugen D’Alberts „Der Golem“ von 1926 und „Irrelohe“ von Franz Schreker kam nun auch dessen erste Oper „Der ferne Klang“ zur Premiere, die 1912 dem in der Nazizeit verfemten Künstler den Durchbruch als Komponist verschaffte.
Schrekers opulent besetztes Frühwerk verhandelt die ambivalente Kraft der Musik und arbeitet sich geradezu manisch an den damals jungen Erkenntnissen und Bekenntnissen der Psychoanalyse ab. Der hoffnungsvolle Komponist Fritz verlässt seine Geliebte Grete, weil er sich verwirklichen will und auf Suche nach dem ominösen „fernen Klang“ ist. Das Mädchen lebt in beengten Verhältnissen, der Vater ist Trinker und verspielt im Rausch seine Tochter an den Wirt des Gasthauses „Zum Schwan“. In Panik verlässt sie nachts ihr Elternhaus und begegnet einer alten Kupplerin, die ihr gefolgt war.
Der zweite Akt spielt Jahre später in Venedig, wo Grete inzwischen zur Edel-Kurtisane wurde. Man feiert ein glänzendes Fest, unerwartet taucht Fritz auf, erkennt, was mit Grete geschehen ist – und verlässt sie erneut. Wiederum Jahre später kommt Fritz’ Oper „Die Harfe“ zur Premiere und fällt beim Publikum durch. Unter den Premierengästen ist auch Grete, zur Straßendirne abgestiegen. Fritz erkennt zu spät, dass er Grete niemals hätte verlassen dürfen. Als sie zu ihm zurückkehrt, stirbt er.
Schreker hat sein Opern-Debüt mit irisierenden Klängen verschwenderisch ausgestattet und experimentiert im Venedig-Akt mit Fern-Chören und mehreren Orchestern. In Bonn erweist sich Dirigent Will Humburg als Fels in der Klangbrandung und behält auf und neben der Bühne sowie in dem mitbespielten Zuschauerraum den gewaltigen Apparat souverän im Griff und zeigt bemerkenswertes Gespür für Schrekers Klangfarben. Glänzend sind die kräftig aufgestockten Chöre studiert (Sibylle Wagner); und die zahlreichen Solisten überzeugen mit einer geschlossenen Ensembleleistung. Die höchst anspruchsvolle Hauptrolle der Grete ist mit Ingeborg Greiner ideal besetzt: Die edel timbrierte Stimme der Sopranistin schillert zwischen warmer Sinnlichkeit und ätherischem Kuppelklang.
Intendant Klaus Weise hat sich als Regisseur um eine werkdienliche, wörtlich umsetzende Inszenierung bemüht, die Schrekers Musik den Vortritt lässt und einleuchtende, wenn auch nicht unbedingt visionäre Bilder findet. Am eindrücklichsten gelingt der Venedig-Akt, wenn für die der Filmmusik verwandten Passagen glamouröse Revue-Szenen entworfen werden, die um eine riesige aufklappbare Glitzer-Muschel kreisen.
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