Der Strom ist weg, das Licht erloschen. Eine Katastrophe hat sich ereignet, vielleicht vor einem Jahr in Fukushima, vielleicht vor 26 Jahren in Tschernobyl, vielleicht auch erst in näherer Zukunft in Deutschland oder Frankreich. Jede Konstellation wäre denkbar.
Das Textmaterial für „Der Blitz (Fukushima Sunrise)“, Erstlingswerk des noch unbekannten Dramatikers Fred Hundt, der seine wahre Identität nicht preisgeben möchte, ist zwar eine Art sprachliches Abfallprodukt der Reaktorkatastrophe in Japan. Doch die verstrahlten Sätze und von selbst zerfallenden Floskeln, die Hundt aus Reden von Politikern, den Medien und aus Statistiken herausgelöst und dann zu einer absurden Sprachpartitur montiert hat, sind austauschbar. Sie passen auf jeden atomaren Zwischenfall. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie von Befürwortern oder Gegnern der Atomkraft stammen, beides trifft sich in einem gedanklichen Vakuum.
Pia Maria Mackert hat für Marcus Lobbes’ Uraufführung des „Dramma giocoso“ (lustiges Drama oder heitere Oper) einen langen schmalen, von dunklen Wänden umschlossenen Kasten auf die Bühne gestellt. Auf dem Boden des Bunkerraums steht knöchelhoch Wasser. Nachdem zwei Frauen (Maresa Lühle und Juliane Pempelfort) und zwei Männer (Gregor Henze und Philipp Sebastian) in Gründerzeit-Kostümen das Bassin betreten haben, verlischt das Licht. Licht spenden nur noch Streichhölzer. Der durchdringende Schwefelgeruch begleitet den Chor des Untergangs.
Selbst wenn die Leerformeln der Darsteller noch Hoffnung und Zukunft suggerieren sollen, erzählen sie doch nur vom Ende, dem Ende der Vernunft und dem, was einst Sprache war. Die Worthülsen sind vergiftet, höhlen gleichsam die Gesellschaft aus und bereiten den Boden für die nächste Katastrophe.
Schauspielhaus Wuppertal | Bundesallee 260 | 42103 Wuppertal
Tel: 0202/56 96 666 | Email: topticket-service@wsw-online.de | Website: http://www.wuppertaler-buehnen.de
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