„Der Blitz (Fukushima Sunrise)“ im Kleinen Schauspielhaus
05.07.12 20:00

Der Strom ist weg, das Licht erloschen. Eine Katastrophe hat sich ereignet, vielleicht vor einem Jahr in Fukushima, vielleicht vor 26 Jahren in Tschernobyl, vielleicht auch erst in näherer Zukunft in Deutschland oder Frankreich. Jede Konstellation wäre denkbar.

Das Textmaterial für „Der Blitz (Fukushima Sunrise)“, Erstlingswerk des noch unbekannten Dramatikers Fred Hundt, der seine wahre Identität nicht preisgeben möchte, ist zwar eine Art sprachliches Abfallprodukt der Reaktorkatastrophe in Japan. Doch die verstrahlten Sätze und von selbst zerfallenden Floskeln, die Hundt aus Reden von Politikern, den Medien und aus Statistiken herausgelöst und dann zu einer absurden Sprachpartitur montiert hat, sind austauschbar. Sie passen auf jeden atomaren Zwischenfall. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie von Befürwortern oder Gegnern der Atomkraft stammen, beides trifft sich in einem gedanklichen Vakuum.

Pia Maria Mackert hat für Marcus Lobbes’ Uraufführung des „Dramma giocoso“ (lustiges Drama oder heitere Oper) einen langen schmalen, von dunklen Wänden umschlossenen Kasten auf die Bühne gestellt. Auf dem Boden des Bunkerraums steht knöchelhoch Wasser. Nachdem zwei Frauen (Maresa Lühle und Juliane Pempelfort) und zwei Männer (Gregor Henze und Philipp Sebastian) in Gründerzeit-Kostümen das Bassin betreten haben, verlischt das Licht. Licht spenden nur noch Streichhölzer. Der durchdringende Schwefelgeruch begleitet den Chor des Untergangs.

Selbst wenn die Leerformeln der Darsteller noch Hoffnung und Zukunft suggerieren sollen, erzählen sie doch nur vom Ende, dem Ende der Vernunft und dem, was einst Sprache war. Die Worthülsen sind vergiftet, höhlen gleichsam die Gesellschaft aus und bereiten den Boden für die nächste Katastrophe.

empfehlungen der redaktion
34787_preview
Ibsens „Nora oder Ein Puppenheim“ im Kleinen Sc...
Tilo Nest lässt einen Akt lang das Foyer des Wuppertaler Schauspielhauses bespielen und entdeckt dabei neben dem Raum auch Ibsens Emanzipationsstück neu. mehr lesen
38122_preview
Händl Klaus’ „Dunkel lockende Welt“ im Alten Ne...
Händl Klaus’ Stück lässt sich am besten als Sprachkomposition beschreiben. Davon ausgehend haben Fabian Lettow und Mirjam Schmuck vom kainkollektiv nun ihre eigene Remix-Version erstellt. mehr lesen
33616_preview
„Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ im Scha...
Als Swetlana Alexijewitschs "Roman in Stimmen" 1985 erstmals in der Sowjetunion erschien, wirkte er wie ein Korrektiv zur vorherrschenden Geschichtsschreibung. mehr lesen
Loader

GEMISCHTE TÜTE

weitere Inhalte