Christopher Williams im Museum Morsbroich
04.12.11 bis 12.02.12

Keine großen Effekte, keine visuellen Sensationen. Christopher Williams zielt nicht auf Überwältigung, das wird schnell klar beim Blick in seine Ausstellung im Museum Morsbroich.

Der 1956 geborene US-Künstler wohnt seit einigen Jahren in Köln und lehrt an der Düsseldorfer Kunstakademie. Er hat es also nicht weit nach Leverkusen, wo er seine Schau selbst eingerichtet hat. Sehr sparsam und überaus planvoll sind die eher kleinformatigen Fotografien dort an den Wänden verteilt – rund zwei Dutzend zählt man im ganzen Schloss.

Auch die Motive scheinen ziemlich unspektakulär: Eine Kamera, ein Autoreifen, fünf gestapelte Maiskolben. Dazu ein Päckchen der Deutschen Post, das ebenso gelb ist wie der Handtuchturban um den Kopf einer jungen Frau, die uns aus dem Ausstellungssaal vis-à-vis breit entgegenlächelt. Das alles wird mit großer Akribie, meist isoliert vor neutralem Grund in Szene gesetzt.

Gerade Williams sachliche Sprache ist es wohl, die einen in Leverkusen hellhörig werden lässt. Für die Eigenheiten dieser Bilder und genauso für Makel und Störungen, die ihre Perfektion unterlaufen – die vielen Leberflecken auf dem Rücken des Unterwäsche-Models etwa oder die Hornhaut am Fuß, der sich so anmutig in die rote Socke hüllt. Auch dafür, dass das schmucke weiße Markenhemd dem freundlichen schwarzen Fotografen, der es trägt, viel zu weit ist.

Williams, so ahnt man bald, muss viel mehr als nur das bloße Foto im Auge haben: Er spielt mit der Wahrnehmung, mit unterschiedlichen visuellen Codes, etwa aus der Werbung vergangener Jahrzehnte. Er bespiegelt die Bedeutung des Bildes in einer von Medien geprägten Gesellschaft, reflektiert Formen der Präsentation und Reproduktion von Wirklichkeit. In den Fotografien, aber auch in seinen allzu ausführlichen Werktitel, die pedantisch jedes Detail der Aufnahme listen, dennoch keine auch nur annährend getreue Vorstellung der Realität vermitteln können.

Ohne Zweifel sind die Dinge viel komplexer, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Und sie werden noch komplizierter, wenn Williams eröffnet, was er sich bei all dem denkt. Mit dem Titel der Ausstellung in Leverkusen fängt es an: „For Example: Dix-Huit Leçons Sur La Société Industrielle (Revision 15)“. Williams zitiert hier das gleichnamige, 1962 erschienene Buch, in dem Raymond Aron die sozialen Strukturen des Kapitalismus und der Planwirtschaft untersucht. Seit 2005 bereits gastiert der Künstler unter diesem Motto hier und dort. Aus einem wachsenden Corpus an Bildern wählt er dabei jeweils einzelne aus und arrangiert sie immer neu. Es ist bereits die 15 Revision, die er nun in Leverkusen unternimmt, um mit Raymond Aron die Ära des Kalten Krieges zu beleuchten. 

Dabei genügt Williams ein so banales Ding wie der Autoreifen, um ein Lawine an Bedeutungen loszutreten: Er selbst habe das bewunderte Vorbild von Konrad Klapheck im Kopf gehabt, als er den Reifen zum Motiv machte. Klapheck seinerseits aber dachte an Roy Lichtenstein und dessen wunderbare Reifen. Zu den kunsthistorischen kommen geschichtliche Bezüge – zu Barrikade und Bürgerprotest, zur 68er-Bewegung und zu Kautschuk aus Vietnam....

Akribische Recherchen gehen einem Bild wie diesem voran. Tagelang hat der Künstler dann noch an der Inszenierung herumgetüftelt. Auf den Auslöser ließ er dann aber einen anderen drücken. Denn er persönlich zieht die Rolle des Regisseurs und den Platz neben der Kamera vor – denn da sehe man viel mehr.

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