Christoph Schlingensief

Nach einer Assistenz bei Werner Nekes und einigen Kurzfilmen dreht Christoph Schlingensief mit „Tunguska – die Kisten sind da“ 1984 den ersten Langfilm. Es folgt u.a. die „Deutschlandtrilogie“ mit „100 Jahre Adolf Hitler“, „Das deutsche Kettensägenmassaker“ und „Terror 2000 – Intensivstation Deutschland“. An Frank Castorfs Berliner Volksbühne debütiert er 1993 mit der Inszenierung „100 Jahre CDU – Spiel ohne Grenzen“; danach weitere Arbeiten als Hausregisseur. Seit 1997 entstehen aktionistische Projekte, darunter auf der documenta X und während der Wiener Festwochen die Container-Aktion „Bitte liebt Österreich“. Zur Bundestagswahl 1998 erfolgt die Gründung der Partei „Chance 2000“. Mit „Church of Fear“ nimmt er 2003 teil an der 50. Biennale Venedig. Für die Bayreuther Festspiele realisiert er 2004 Wagners „Parsifal“, 2007 im südamerikanischen Manaus „Der Fliegende Holländer“. Seine Volksbühne-Inszenierung „Kunst und Gemüse, A. Hipler“ erhält 2005 eine Einladung zum Berliner Theatertreffen. Im afrikanischen Kamerun plant er den Bau und Betrieb eines Festspielhauses. Dem Phänomen Schlingensief lässt sich vielleicht am ehesten beikommen, indem man ihn von A bis Z zu Worte kommen lässt. Das folgende (hier stark gekürzte) ABC entstand für die Ausstellung „Christoph Schlingensief – 18 Bilder pro Sekunde“ im Haus der Kunst, München, die 2007 kuratiert wurde von Stephanie Rosenthal und Patrizia Dander/Verena Frensch. Der 1960 in Oberhausen geborene Christoph Schlingensief verstarb am 21. August 2010.

Angst
„Angst? Sehr oft und bis zur Lähmung.“ (CS)
Die Theologie definiert Angst als Gegenteil von Glaube. „Kirche der Angst“ (Church of Fear), eine von CS mit gegründete Bewegung, vereint Leute, „denen das Glauben misslungen ist“.

Beuys, Joseph
CS bezieht sich in seinen Werken häufig auf Beuys (1921-1986), der durch seine Formulierung des „erweiterten Kunstbegriffs“ bekannt wurde; er beschäftigte sich mit der sozialen Plastik als gesellschaftlichem System, in dem sich jeder einzelne kreativ verwirklicht.

cinéma direct
Beim cinéma direct, einer Form des Dokumentarfilms, die sich in den späten 50er Jahren entwickelte, steht die Direktheit der Bilder im Vordergrund. Man wollte die Realität unmittelbar fassbar machen und die Illusion nähren, der Betrachter sei Teil des Geschehens.

Deutschland
„1999 begab sich CS auf die Suche nach Deutschland und versenkte es anschließend in New York vor der Freiheitsstatue im Hudson River.“ (Thekla Heineke und Sandra Umathum)

Exzentrik
CS gilt mit seinen Auftritten als exzentrische Persönlichkeit. Er selbst spricht lieber von einer „ganz großen dionysischen rituellen Veranstaltung“.

Familie
Ähnlich wie seinerzeit die für CS wichtige Bezugsfigur Rainer Werner Fassbinder, arbeitet auch CS relativ kontinuierlich mit einem konstanten Team von Mitarbeitern und Schauspielern. „Kinder habe ich viele – das sind meine Filme. Aus dem einen Film ist was geworden und aus dem anderen nicht. Aber ich mag auch die, aus denen nichts geworden ist.“ (CS)

Gesamtkunstwerk
Darunter versteht man die Vereinigung aller Künste – bildende Kunst, Schauspiel, Tanz, Dichtung, Musik – zu einem einheitlichen Kunstwerk. Der Begriff wurde 1827 von dem Denker Eusebius Trahndorff eingeführt und dann von Richard Wagner geprägt.

Hase
Der Hase hat hohe Bedeutung in allen Religionen: u.a. bei den Römern und Germanen als Symbol der Fruchtbarkeit und im Christentum als eines für die Auferstehung. Beuys hatte in der Galerie Schmela in Düsseldorf die Performance „wie man dem toten hasen die bilder erklärt“ veranstaltet. CS deutet in seinem „Parsifal“ den Gral als verwesenden Hasen.

Kino
„Der Traum eines Kinos war immer da, aber es war vor allem das Privatkino eines Howard Hughes, das mich interessiert hat. ... Mein Leben lang habe ich eine Präsentationsform im Kino gesucht, die ich nie gefunden habe.“ (CS)

Montage
Unter Montage versteht man das Aneinanderreihen von Filmaufnahmen. Sie dient dem Ordnen und Kombinieren der Filmelemente und wird dabei zum zentralen Merkmal der künstlerischen Handschrift. Gerade von den Surrealisten wurde die Montage verstärkt eingesetzt, um das Irrationale darzustellen, als Möglichkeit zur „Entfesselung der Gedanken von ihren raumzeitlichen Zusammenhängen“ (CS).

Nekes, Werner

Der Lehrmeister von CS „hat mich in dem Sinne versaut, dass er Experimentalfilme machte, ich aber eigentlich Mainstreamfilme machen wollte. Nekes interessierte sich sehr für die historische Entwicklung des Films und erklärte mir immer, dass nur die Trägheit unserer Nerven das Sehen von Filmen möglich macht.“

Provokateur
„Es ist höchstens so, dass ich mich selbst provoziere. Vielleicht merken einige, wie lächerlich es ist, immer den Konsens zu suchen.“ (CS)

Rollenspiel

„Ich mag ein begnadeter Selbstdarsteller sein, aber ich stelle mich nicht selber dar, sondern ich stelle etwas dar. Ich habe in allen meinen Filmen selber Rollen vorgespielt. Ich stelle also noch nicht mal Christoph Schlingensief dar, weil ich in Wirklichkeit gar nicht der Christoph Schlingensief bin, den alle meinen.“ (CS)

Scheitern

CS sieht das Scheitern (an eigenen Erwartungen, gesellschaftlichen Ansprüchen, vorgenommenen Zielen etc.) als Bedingung für Authentizität, Wahrheitsfindung und kreative Prozesse. Auf seiner Suche nach Echtheit sieht er den Willen zur Perfektion als Grund für Unwahrheit und zerstörerische (gesellschaftliche) Vorgänge.

Tod
In vielen seiner Werke beschäftigt sich CS mit dem Tod: 1992 dreht er mit Udo Kier „Tod eines Weltstars“. Seine Installation „Kaprow City“ befasst sich mit dem Tod von Lady Di und dessen medialer Vermarktung; sein „Parsifal“ findet Erlösung im Tod, anders als im Libretto vorgesehen. Seine eigene Krebserkrankung wird zum künstlerisch gestalteten Thema – man kann sagen: bis zum letzten Atemzug.  

Überforderung
„Ich kann nur sagen, dass die totale Überforderung eigentlich eines meiner Hauptziele ist. Also nicht mehr zu wissen ...“ (CS)

Wagner, Richard
CS inszenierte 2004 den „Parsifal“ in Bayreuth. Über Buñuels Film „Der andalusische Hund“, in dessen Soundtrack Auszüge aus dem „Tristan“ enthalten sind, begann sich CS intensiver mit Wagners Musik zu beschäftigen.

Zufall

Im Werk von CS nimmt der Zufall eine zentrale Rolle ein. Die Tatsache, dass der Prozess ebenso wichtig ist wie das Endergebnis, schafft die Möglichkeit, aus der jeweiligen Situation heraus zu agieren und ständig etwas zu verändern. So sind zufällige Ereignisse oft der Ausgangspunkt seiner Bilder für Bühne und Film.







 

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