Immer wieder dreht sich die Bühne. Es gibt keine Ruhe, keinen Moment des Innehaltens, für die Mitglieder der Lübecker Kaufmannsfamilie Buddenbrook. Ständig zerrt etwas an ihnen: die Angst vor Verlust und Verfall oder eben die Sehnsucht nach Höherem. Selbst wenn die verwinkelte und dennoch transparente Bühnenkonstruktion aus Glas, Stahl und Beton, die Peter Scior auf die Drehbühne des Grillo-Theaters gebaut hat, einmal für die Dauer einer Szene zum Stehen kommt, scheint deren Zentripetalkraft noch nachzuwirken.
Ein ungeheurer Sog zieht Thomas, Tony und Christian, die drei so unglücklichen Kinder von Jean und Elisabeth Buddenbrook, weiter und weiter nach unten: in ein alles auslöschendes Dunkel, in dem zumindest Stefan Diekmanns innerlich zerbrochener, von einer dem Tod entgegensehnenden Müdigkeit erfüllter Thomas schließlich ganz verschwinden wird.
John von Düffels Adaption von Thomas Manns epochalem Familienroman hat sich seit ihrer Uraufführung im Jahr 2005 zu einem wahren Renner auf deutschen Bühnen entwickelt. Kaum ein neues Stück der letzten Jahre ist so oft nachgespielt worden wie diese Romanbearbeitung, die sich vor allem auf die Nöte der Geschwister Tony, Thomas und Christian konzentriert. Die geschickt arrangierte dramatische Collage aus emphatischen Dialogen, raffenden (Brief-)Erzählungen und nach Außen gekehrten inneren Monologen folgt ganz dem Geist unserer Zeit: Thomas Manns ausufernde Chronik vom Aufstieg und Untergang einer Familie wird zum individuellen Melodram einer Generation von Bürgersöhnen und -Töchtern, die den Lebensstandard ihrer Eltern nicht mehr halten können.
Eben diese Zeitgenossenschaft hat es Regisseur Christoph Roos angetan. Nicht nur die Architectural Digest-Version des Buddenbrookhauses und Sonja Albartus’ zeitlos moderne Kostüme verorten die Inszenierung in der traurigen, von (Finanz-)Krisen und Zukunftsängsten gezeichneten Wirklichkeit der Nach-68er. Auch die beinahe schon filmische Überblendungstechnik, die Szenen ineinander fließen lässt und damit das Tempo noch einmal erhöht, ist wie das sich selbst ständig reflektierende Spiel des Ensembles von heute.
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