Brontes „Jane Eyre“ von Cary Joji Fukunaga
20.05.12 13:00

Allein auf weiter Flur. Außer sich. Eine junge Frau irrt durch nebelfeuchtes, regenkaltes Hochland. Sie sieht ein Licht und findet Einlass im Haus eines Pfarrers und seiner beiden Schwestern, die die zu Tode Erschöpfte pflegen. Jane Elliott, wie sie sich nennt, wird bleiben und von Hochwürden St. John Rivers (Jamie Bell) als Dorfschullehrerin vermittelt, bis er ihre Identität erkennt – und Jane Eyre die Aussicht auf ein Erbe und Vermögen mitteilen kann. 

In Rückblenden wird Janes Lebensgeschichte erzählt, entlang von Charlotte Brontes Roman, der verblüffend modern und ganz ohne Gilb und Stockflecken wirkt. Das hat sich die Titelfigur verdient, die in ihrer Haltung und ihren Anschauungen schlicht, doch ohne geistige Beschränkung ist, autonom und integer, was sie in Konflikt mit ihrer Bereitschaft bringt, sich in den Dienst anderer zu stellen. Ebenso gebührt der Dank der fabelhaften Darstellerin Mia Wasikowska und dem Regisseur. Wer hätte vermutet, dass der Kalifornier Cary Joji Fukunaga nach seinem Debüt, dem eindringlichen mexikanischen Flüchtlings- und Grenzdrama „Sin Nombe“, einen Kostümfilm drehen würde. Aber er kann auch das. 

Die Waise Jane wächst bei hartherzigen, bösartigen Verwandten auf, die sie malträtieren; sie wird als Lügnerin verleumdet und in ein Erziehungsheim gegeben, wo anglikanischer Rigorismus das Regime führt. Sie wird misshandelt und erniedrigt. Erwachsen geworden, nimmt sie eine Stellung als Gouvernante auf Thornfield Hall an. Mit ihrem beinahe schon unirdischen, jedenfalls weiten und offenen Wesen, dem hellen Verstand, ihrer klugen Sicherheit und direkten Sprache fällt sie ihrem Brotherrn, dem verschlossenen, hochfahrenden,  gelangweilten Fairfax Rochester (Michael Fassbender) auf, der ein düsteres Geheimnis bewahrt. Es macht das Anwesen fast zum Spukschloss – Motive, die Daphne du Maurier für ihre später von Hitchcock verfilmte „Rebecca“ beeinflussen sollten. 

Aufrecht und aufrichtig, sieht sich Jane Eyre jedermann, unabhängig von Stand und äußerem Anschein, als ebenbürtig an. Das ist ihr Ideal und ihre Religion, womit sei sich befreit von der starren Doktrin ihrer unchristlichen Erzieher, von frommer Naivität und missionarischem Eifer, wie ihn schließlich St. John Rivers vertritt. Jane Eyre folgt ihrem eigenen Stern und wird zur handelnden Heldin, die selbstlos sein kann, weil sie Ich sagt. 

 

 

 

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