Anders als viele Tänzer konnte sich Ben J. Riepe über mangelnde Engagements nicht beklagen. Noch während seines Tanz- und Choreografiestudiums an der Folkwang Hochschule engagierte Pina Bausch ihn 2002 für ihr „Frühlingsopfer“. Riepe tanzte für VA Wölfl und arbeitete mit Morgan Nardi und Juan Kruz Diaz de Garaio Esnaola.
Doch irgendwann hatte Riepe genug davon, selbst auf der Bühne zu stehen. Also gründete er 2004 eine Compagnie, die seinen Namen trägt und bewies, dass er selbst ein kreativer, choreografischer Geist ist. Mit „Weiße Ratte“ machte er 2005 regional auf sich aufmerksam. Mit „Happy End – dealing night again“ gastierte er 2007 dann schon international, bei Impulstanz Wien, in Paris und Lausanne. Ein choreografischer Austausch führte ihn nach China, er zeigte seine Stücke in Lettland, Litauen, Mexiko oder Indien.
Der kühle Ästhet hat sich mit seinen von der bildenden Kunst inspirierten Kreationen, angesiedelt zwischen Tanztheater und Installation, in die vorderen Reihen des deutschen Nachwuchses choreografiert. 2009 wurde Riepe als einer von vier Tanzschaffenden für die sogenannte Spitzenförderung des Landes NRW ausgewählt. Er entwirft kunstvolle Phantasmagorien, Universen zwischen Tag und Traum, in die er lebende Skulpturen platziert. Das Sympathische dabei: Er nimmt sich selbst nicht zu ernst, legt über seine minimalistischen Tanzstücke bei aller Formstrenge ein Lächeln.
Das Nomadentum des Künstlerdaseins empfindet Ben Riepe als Bereicherung. „Es ist ein Geschenk, dass ich viel sehen und mich in neue Strukturen und Mentalitäten einfühlen kann“, schwärmt er. Man müsse halt die Einsamkeit ertragen und in sich tragen. Und die ständig wechselnden sozialen Bindungen? „Manche bleiben. Aber ich lasse mich nicht mehr so schnell ein. Ich habe eine starke Familie und einen festen Bekanntenkreis.“ Für Ben Riepe bedeutet Unterwegs-Sein Lebensqualität. „Ich habe mich nirgends eingerichtet“, stellt er ohne Bedauern fest. „Ich habe gern wenig bei mir. Es gibt mir das Gefühl, frei von Ballast und offen für Neues zu sein.“
Die Erlebnisse in China hängen ihm noch nach. Die Arbeitsbedingungen seiner jungen asiatischen Kollegen sind mit den hiesigen Verhältnissen nicht zu vergleichen: „In einer solchen Diktatur entsteht die Underground-Kunst nicht aus dem Wunsch nach Bestätigung, sondern aus der Notwenigkeit, Kunst zu machen.“ Seine Eindrücke hat er in den zweiten Teil seines fünfteiligen Stücks „Liebe, Tod und Teufel“ einfließen lassen.
Riepes Verständnis von Ästhetik setzt sich bewusst vom herkömmlichen, normierten Schönheitsbegriff ab. „Ich nehme mir die Freiheit, schön zu finden, was nicht von Werbung und Medien suggeriert wird“, erklärt er. Im „Schachbrettzimmer“, dem ersten Teil von „Liebe, Tod und Teufel“ demontierte Riepe bereits die Makellosigkeit des Raumes, auch indem er ihm durch seine Abgeschlossenheit etwas Unheimliches gab.
Auch »amour espace« ästhetisiert dunkle Momente, wenn auch abstrakt. »Ich finde es nicht schlimm, etwas schön zu finden, das für andere moralisch zu verurteilen oder grausam ist«, gesteht Riepe ein. Ein heruntergekommenes, besprühtes Fabrikgebäude nennt er als Beispiel oder ein totes Tier auf der Straße.
Ben Riepe will mit seinen geheimnisvollen Bildwelten nicht schockieren, allenfalls irritieren und berühren. Er versucht eine tiefere Verständnisebene beim Zuschauer anzusprechen. „Ich habe keine Message, mache nur ein Angebot. Wer möchte, kann ein Erlebnis mitnehmen, das vielleicht noch einmal als Bildwelt in ihm aufsteigt“, sagt er. Im schönsten Fall hätte der Wittener einen „inneren Schatz“ mit auf den Weg zu geben.
Mit „Liebe, Tod und Teufel“ will Riepe nicht etwa an die serielle Kunst der 1960er Jahre oder die Tanzsysteme einer Trisha Brown anknüpfen. „Ich möchte mehr und schneller arbeiten können, Stücke raushauen, um stärker auf das reagieren zu können, was ich aufnehme.“ Ein Projekt im Jahr – das ist nicht genug für einen ambitionierten Jungchoreografen, der an akuter Kreativität leidet.
Anregungen holt Riepe sich in der Literatur, in Kunstbildbänden, in Museen. Die bildende Kunst, sagt Riepe, interessiere ihn formal, konzeptionell und auch ästhetisch mehr als der Tanz. Sie sei weiter entwickelt als die darstellende Kunst. Daher tanzt sie bei ihm auch ästhetisch die Hauptrolle.