Andreas Dresens Sterbeprotokoll „Halt auf freier Strecke“
20.05.12 11:00

Man riecht förmlich den speziellen Krankenhausgeruch, wenn das Ehepaar Frank und Simone im Flur auf den Arzttermin wartet. Dann die Diagnose: Gehirntumor – inoperabel. Schicksal. Die Frist für Frank beträgt ein paar Monate. Frank versteinert, Simone weint, beide sind sprachlos. Der Doktor hält mit Fachvokabular Abstand, ein Telefonat kommt auch noch dazwischen. Ja, sagt er, man solle die beiden Kinder – acht und 14 – davon unterrichten: „Was sie wissen wollen, können sie auch verkraften.“

Aber was sagt man da? Wie lebt man mit dem Befund, mit der Restzeit, der konkreten Erkenntnis des Endlichen? Franks Eltern kommen aus Greifswald herüber, Simones Mutter hilft hier und da. Therapeutische Probepackungen und kirchliche Harmonisierungs-Angebote bleiben ohne Wirkung. Nur keine künstlichen Paradiese. Die Nähe zu Frau und Kindern bietet als einziges Halt, bis zum Ende.

Die Familie (Frank arbeitet bei der Post, Simone ist Trambahnfahrerin) hat sich gerade ein schönes Haus im Grüngürtel von Berlin gebaut. Der Blick geht ins Freie. Es ist Herbst, auch den schneereichen Winter 2010 mit Weihnachten und Neujahr wird Frank noch erleben. Im Erdgeschoss erfüllen die anderen, so gut es geht, die Forderung des Tages, oben findet das Sterben statt. Was aber nicht ausschließt, den geschmückten Tannenbaum die Treppe hoch ins Krankenzimmer zu schaffen. Alles passiert ein letztes Mal, auch die Bescherung. Wird zum Speichermaterial für später einmal.  

Andreas Dresens „Halt auf freier Strecke“ ist ein dokumentarisch präzises Protokoll, in seiner akribischen Eindringlichkeit und schmerzenden Offenheit kaum erträglich, wobei die zärtlichen Momente fast schlimmer sind als die schrecklichen Situationen. Es ist eine Zumutung. Kein Unterhaltungsprogramm. Man muss schon seinen Mut zusammennehmen, zumal Erinnerungen an eigen Erlebtes sich nicht aufhalten lassen. Aber Dresen gelingen auch wunderbare Bilder, die ganz sacht in erzählerische Poesie spielen: Draußen steigt ein Drachen, Frank liegt auf dem Bett, seine E-Gitarre im Schoß. Milan Peschel spielt beklemmend einfühlsam, nur fast noch übertroffen von Steffi Kühnert als Simone. 

Der lange Abschied hat viele Farben und Formen. Es gibt Zusammenbrüche, aggressive Schübe, wachsende Unberechenbarkeit, die auch mit Franks Kontroll-, Koordinierungs- und Orientierungsverlust zusammenhängen. Es gibt Krisen und Konflikte, zermürbende Überforderung, Verzweiflung, Verbitterung und besänftigte Ruhe und das Glück der Geborgenheit. Frank führt auf dem iphone eine Art elektronisches Tagebuch, mit der Minikamera zeichnet er sich selbst auf und betrachtet sein Gesicht, als versuche er hinter seine Stirn zu sehen. Für die Beerdigung wünscht Frank sich einen Song von Neil Young: „Dead man“. 

 

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