In ungläubiges Staunen hat das von Gerhard Richter entworfene Südquerhausfenster im Kölner Dom die Besucher nicht versetzt, als es am 25. August 2007, dem 759. Jahrestag der Grundsteinlegung der Kathedrale, erstmals gezeigt wurde. Eher in andächtiges Ergriffensein. Der „entscheidende Schritt zur Vollendung des Doms“, so Dompropst Norbert Feldhoff, feierte eine Premiere, bei der allerdings einer fehlte. Joachim Kardinal Meisner blieb dem Festgottesdienst fern. Wie schon Wochen zuvor zu hören war, hatte er sich gegen die abstrakte Komposition ausgesprochen, die das Metropolitankapitel mehrheitlich befürwortete. Hausherr der Kathedrale aber ist nicht der Erzbischof, sondern der Dompropst, dem mithin die liturgische Eröffnung oblag.
Den teuersten zeitgenössischen Künstler für die Ausgestaltung der größten deutschen Kirche zu gewinnen, war ein spektakulärer Coup. Zu verdanken ist er Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner, die Gerhard Richter, als sie ihm 2001 zufällig bei einer Geburtstagsfeier begegnetet, kurzerhand ansprach: „Wäre das nicht etwas für Sie?“ Als schwer, kompliziert und spannend sollte sich die Realisierung erweisen: So mussten die Quadrate in der Breite der Fensterbahnen aufgehen und deren Farbigkeit aufnehmen.
„Das Fenster passt nicht in den Dom“, hatte der Kardinal wenige Tage später seine Ablehnung bekräftigt und dabei (wissentlich?) ignoriert, dass in der gotischen Kathedrale auch eine ungegenständliche Gestaltung Tradition hat. Denn erst als der Domumgang 1322 für Pilger geöffnet wurde, sind die Ornamentfenster der sieben Kapelle in den unteren vier Zeilen durch figürliche Darstellungen ersetzt worden, wie sie zuvor allein das mittlere Fenster der Achskapelle auszeichneten. Bei einem Bischof von Chartres findet sich im 13. Jahrhundert die dazu passende Bemerkung, dass Bilderzählungen in Fenstern Anstoß erregt und die Kleriker verwirrt hätten. Insofern wäre das neue Glasfenster auch eine Rückkehr zu den Ursprüngen des Doms und Richters Komposition, zusammengesetzt aus 11.263 Glasquadraten, die in 72 Farben leuchten, als dezidiert intellektuelles Werk ausgewiesen.
Die ersten Interpretationen der Auftraggeber waren eher vorsichtig und allgemein. So sagte die Dombaumeisterin, die den Entstehungsprozess intensiv begleitet hatte, „alle Gedanken, alle Bilder, alle Heiligen“ seien in diesem Fenster, und Künstlerseelsorger Josef Sauerborn sprach in seiner Predigt von einer „Symphonie des Lichtes, in der alle Farben des Doms erklingen“. Doch nicht, was Richters Werk mit dem Dom macht, sondern wie dessen Architektur und das Licht sich des Entwurfs bemächtigen, hebt es heraus und sichert ihm – auch in dessen Œuvre – eine einzigartige Stellung.
Denn der Künstler, der dem Aufriss des Südquerhausfensters zunächst sein Gemälde „4096 Farben“ (1974) unterlegte, hat zwar schon – in Werken wie „Acht grau“ (2002) – mit Glas gearbeitet. Ein Kirchenfenster aber entzieht das Kunstwerk dem Anspruch auf Autonomie und hat zumindest eine Doppelfunktion: Es soll Licht in den Kirchenraum bringen und ist Teil der liturgischen Ausstattung. Wie es wirkt und leuchtet, darauf hat der Urheber, ist es erst einmal eingebaut, keinen Einfluss mehr. Kann es doch nicht einfach abgehängt oder ausgeknipst werden. Nach oben offen in der Lichter-Skala, thematisiert das Fenster, indem es sich haarscharf auf der Grenze zwischen autonomer und angewandter Kunst bewegt, das Problem: Genau darin gründet seine große Faszination und Irritation.


