2005 – Charles Wilp stirbt in Düsseldorf

Diese Art von Biografie scheint zu passen: Charles Wilp wird in Berlin geboren, der Vater bringt als Ölsaatenhändler den Raps nach Europa, die Mutter begleitet Stummfilme am Klavier; später wird er Schüler der Fotografenlegende Man Ray in New York. Stimmt aber leider nicht, denn der Fotograf, Filmemacher und Werber Charles Wilp ist mit seiner Kreativität selbst vor dem eigenen Lebenslauf nicht zurückgeschreckt. Die Faktenlage bleibt unscharf, aber laut örtlichem Melderegister soll er 1932 als Sohn eines Dachdeckermeisters in Witten geboren worden sein. Seine Mutter kam aus Bochum, stammte aber aus Entrup im Kreis Höxter – tiefste westfälische Provinz. In Witten macht Wilp sein Abitur, besucht die Pariser Kunstakademie „Académie de la Grande Chaumière“, um danach nach NRW zurückzukehren, wo er an der TH Aachen Synästhesie, Publizistik, Kunst und Psychologie studiert. Wen schert es, ob es stimmt, wenn es nur gut ausgedacht ist? Mit so einer Haltung kann man entweder Künstler oder Werber werden. Wilp war beides, wobei die Kunst überwog, was sich schon in seinem Modegeschmack äußerte, da er farbige Overalls dem üblichen Branchen-Schwarz der Werber-Szene vorzog.

Wilp war fasziniert vom technischen Fortschritt der 60er Jahre, besonders die Raumfahrt interessierte ihn. Die Idee zu seiner legendären Werbekampagne für „Afri Cola“ hatte er nach eigenen Angaben auf dem Gelände der Luftwaffenbasis in Huntsville, Alabama. Dort wurde in großen Hallen der flüssige, tiefgekühlte Sauerstoff gelagert, was die Scheiben der Umkleidekabinen vereisen ließ, hinter die Mitarbeiter Pin-Up-Poster gehängt hatten. 1968 ließ Wilp für "Afri Cola" Models wie Marianne Faithfull, Donna Summer oder Amanda Lear in luftiger Kleidung hinter vereisten Scheiben posieren und textete: "Super-sexy-mini-flower-pop-op-cola – alles ist in Afri-Cola". Die Kampagne war Pop-Art in Rheinform, im Rückblick wurde Wilp gerne mal mit dem Kollegen Andy Warhol verglichen. Den Eis-Effekt verstand er als "sinnliche Unschärfe" und stellte, neben seinen Models, auch noch einige weißgewandete Nonnen hinters Glas, was der Kampagne naturgemäß noch mehr Aufmerksamkeit verschaffte. Den erwartbaren Sexismus-Vorwurf konterte Wilp 1969 in einem Interview mit der "Zeit": "Wenn zum Beispiel die Marktforscher sagen, Afri-Cola sei für junge Leute, dann müssten auf der Anzeige lächelnde junge Menschen erscheinen. Und wenn die Mediaplaner sagen, Afri-Cola sei ein Getränk für heiße Tage, dann müsste die Anzeige im Hochsommer in den Zeitschriften stehen. Ich mache das Gegenteil: Ich fotografiere Afri-Cola mit Nonnen und verbinde das mit Rausch. Ich nehme nicht einen Mann mit zwei Mädchen, was üblich wäre, sondern ein Mädchen mit zwei Männern. Keinen Neger als Symbol für sexuelle Potenz, sondern einen blonden Westfalen." Für andere bekannte Kampagnen lieferte er die Fotos: Puschkin Wodka, Pirelli und Volkswagens berühmtes "Und läuft … und läuft … und läuft". Für den westfälischen Brauer "Isenbeck" drehte er einen charmant-albernen Werbeclip, der die Ästhetik damaliger James Bond-Filme zitierte. Außerdem beriet er Politiker wie Willy Brandt und Helmut Schmidt; von letzterem machte er die wohl coolsten Fotos eines deutschen Kanzlers.

Wilp wandte sich verstärkt der Kunst zu, 1972 nahm er an der documenta 5 als Ein-Mann-Ausstellung teil und veröffentlichte den Fotoband "Dazzledorf", der seine künstlerische Arbeit und die seiner Kollegen Yves Klein, Andy Warhol, Otto Piene, Günther Uecker, Anatol Herzfeld und Joseph Beuys in Düsseldorf der 60er und 70er Jahre, dem "Vorort der Welt", dokumentiert. Gemeinsame Projekte mit Beuys folgen, aber wo Beuys in der Natur unterwegs ist, greift Wilp weiter nach den Sternen, versteht sich als "ARTronaut" (Yves Klein hat ihn schon 1960 zum "Prince of Space" erklärt) und macht Kunst zwischen Himmel und Erde. Sein ufoförmiges Atelier auf dem Dach seines Düsseldorfer Hauses wird sein Basislager. Dass er als "abgehoben" belächelt wird, schreckt ihn nicht. Es passt zu Wilp, der zwar nie im All war, aber immerhin auf russischen Parabelflügen die Kunst in der Schwerelosigkeit erprobte. In Collagen verarbeitete er Material aus der Raumfahrt, und 1993 flogen seine Arbeiten an Bord der D2-Mission sogar in den Weltraum und zurück. 

Die Asche des "Star-Trek"-Erfinders Gene Roddenberry wurde nach dessen Tod in einer Metallkapsel in die Umlaufbahn geschossen, wo sie irgendwann verglüht ist. Man hätte Wilp ähnliches gewünscht. Am Ende blieb er auf dem Boden der Tatsachen und starb im Januar 2005 in Düsseldorf-Kaiserswerth an Krebs. Dieser Teil der Biografie stimmt. Ausnahmsweise.

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