„Die Landschaft der Industrie ist das aufgeschlagene Buch der menschlichen Psychologie.“ Diese Feststellung von Karl Marx könnte man auch auf die kontroversen Diskussionen beziehen, ob und wie die Relikte des Industriezeitalters zu verwalten, gestalten und nutzen sind. Ein Vorschlag kam von Karl Ganser, dem ehemaligen Chef der Internationalen Bauausstellung Emscherpark. Gemünzt war die Idee zwar auf die Debatte um das Berliner Stadtschloss, aber sie lässt sich ebenso wirksam auf Industriearchitektur tief im Westen übertragen: „Stehen lassen und mit einer Vielzahl von fantasiereichen Aktionen allmählich umdeuten.“
Die Ruhrtriennale gehört gewiss zu diesen fantasiereichen Aktionen. Die Initiative für das Festival ging aus von einer Expertenkommission, die im Auftrag der Landesregierung Vorschläge zur kulturellen Standort-Bestimmung und -Aufwertung Nordrhein-Westfalens ausarbeiten sollte. Es lagen dann nur eineinhalb Jahre zwischen der Berufung Gerard Mortiers zum Gründungs-Intendanten des NRW-Landesfestivals und der Festivaleröffnung am 31. August 2002. Eine sehr knapp bemessene Zeitspanne, um ein ambitioniertes Startprogramm zu entwickeln. Das Festival-Folgejahr 2003 brachte dann bereits zwei internationale Erfolge mit Inszenierungen von Johan Simons („Sentimenti“) und Alain Platel („Wolf“). Längst nimmt die Triennale, für die nach Jürgen Flimm (2005 bis 2008) seit der Saison 2009 Willy Decker als Intendant berufen wurde, im europäischen Reigen der Festivals einen herausgehobenen Platz ein.
Der anfangs erwähnte Karl Marx passt in den Zusammenhang der Triennale recht gut, denn die Begriffe Arbeit und Kapital gehören zusammen: 42 Millionen Euro bringt das Land für einen jeweils dreijährigen Triennale-Zyklus auf. Der Flame Gerard Mortier, der zuvor die Salzburger Festspiele geleitet und diese aus ihrer Karajan-Erstarrung gelöst hatte, besaß hinter dem unauffälligen Auftreten des Kulturmanagers eine störrische Widerständigkeit und sprühenden Enthusiasmus. So setzte er seine Vorstellungen vom Festival an der Ruhr durch. Für die Eigenproduktionen schuf er den Begriff der „Kreation“, der von beiden Nachfolgern beibehalten wurde und das unterschiedliche Zusammenspiel von Theater, Literatur, Musik und Tanz meint. Die mit 37 Millionen Euro renovierte Jahrhunderthalle Bochum als Montagehalle für die Kunst ist zentraler Austragungsort für die grenzüberschreitenden Kombinationen. Flankiert wird die Hauptspielstätte vom Landschaftspark Duisburg Nord, der Zeche und Kokerei Zollverein in Essen und der Maschinenhalle Zweckel in Gladbeck.
Mortier wollte der Region, die dem traditionellen Festcharakter der Hochkultur gewissermaßen mit aufgekrempelten Ärmeln und offenem Kragen gegenübersteht, kein zweites Salzburg aufstülpen. Kein Glamour-Festival und Society-Event. Eher das Gegenteil. So wurden Arbeits-Räume für die Kunst geöffnet, in denen (Industrie-)Landschaft und Gesellschaft ineinander spielen.