Die Größte, die Modernste, die Leistungsfähigste: Mindestens diese drei Superlative vermag die Schachtanlage Zeche Zollverein XII in Essen auf sich zu vereinen, als sich am 1. Februar 1932 die Räder ihres Förderturms zum ersten Mal drehen. Zwölftausend Tonnen verwertbarer Steinkohle pro Tag, das bedeutet die unglaubliche Vervierfachung der Durchschnittsleistung im Revier. Nur 83 Sekunden benötigen die vier Förderkörbe für ihre Be- und Entladung sowie den Zug aus 620 Meter Tiefe zur Hängebank über Tage. Auf eine Länge von 120 Kilometer bringt es das Streckennetz, das bis in 1.200 Meter Tiefe reicht: Ein industrieller Hochleistungskomplex ist hier entstanden, der den ganzen Kosmos einer Arbeits-, Produktions- und Lebenswelt erfasst. Eröffnet wird er im gleichen Jahr, als die Schließung des „Bauhauses“ beginnt.
Anders aber als das „Bauhaus“, mit dem sie gerne und vorschnell identifiziert wird, gründet die Architektur von Fritz Schupp (1896 bis 1974) und Martin Kremmer (1894 bis 1945) nicht in einer sozialkritischen Moderne. Bauen verstehen sie als ingenieurmäßigen Prozess, der gleichwohl den gestalterischen Anforderungen zu genügen hat: Ihr an den Expressionismus angelehnter Repräsentationsstil, dessen heroische Symmetrien den Zechengesellschaften zur Selbstdarstellung gereichen, ist eine Form der Herrschaftsarchitektur und ästhetisierte die zeitgenössische Arbeitswelt. Insofern ist die Zeche Zollverein XII auch ein spätes, „anderes“ Monument der Golden Twenties: Zeugnis einer wirtschaftlichen Hochblüte, die zum Zeitpunkt seiner Inbetriebnahme bereits verwelkt war.
Die stringente Ästhetik der weiträumigen, zwanzig Gebäude umfassenden Anlage hat der Zeche Zollverein einen vierten Superlativ eingetragen, der sich nicht in Zahlen nachweisen lässt: „Schönste Zeche der Welt.“ Dass Industriebauten Schönheit annehmen, ist noch lange keine Selbstverständlichkeit, doch wird es selten so eindrucksvoll augenfällig wie an diesem Ensemble: Die einzelnen Bauten bestehen aus einer gleichmäßig gerasterten Stahlfachwerkkonstruktion mit einer einheitlichen Backsteinausfachung, die, flexibel für Um- und Ausbauten, wandbündige horizontale Drahtglasbänder ebenso zulässt wie Betonflächen. Klar definiert und in geometrischer Ordnung aufeinander bezogen, bilden sie die inneren Arbeits- und Produktionsabläufe ab: form follows function. Bis in die Details der Lampen, Treppengeländer und Türgriffe, auch der Wege und Grünflächen durchgestaltet, bekundet die Zeche eine Nähe zum Gesamtkunstwerk. Auch das Doppelbockfördergerüst wurde, Synthese aus ingenieurtechnischer Konstruktion und architektonischer Formgebung, von Schupp und Kremmer entworfen: Breitbeinig über dem Schacht sich erhebend, ist es zum Emblem, zum Eiffelturm des Ruhrgebiets geworden.
Am 23. Dezember 1986 wurde die letzte Schicht gefahren und der Vorzeige-Pütt von einst zu Grabe getragen. Fünfzehn Jahre später hat das Architektur- und Industrie-Denkmal Zeche Zollverein XII höchste internationale Weihen erfahren: Auf seiner Sitzung in Helsinki 2001 hat das „World Heritage Committee“ der Unesco es in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. Es war die 25. Stätte in Deutschland, der diese Auszeichnung zuteil wurde, und nach der Völklinger Hütte (1994) erst die zweite aus der Montangeschichte. Für das Ruhrgebiet war es eine Premiere: Seine Kathedrale der Industrie rangiert in Nordrhein-Westfalen nun auf einer Stufe mit den Schlössern Augustusburg und Falkenlust in Brühl (aufgenommen 1984), dem Aachener (1978) und dem Kölner Dom (1996).
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