1996 – Wolfgang Welt schlägt sich als Peter-Weiss-Preisträger vor

Im  März 1996 bekommt die damalige Bochumer Kulturdezernentin Ute Canaris Post von Wolfgang Welt. Der Nachtpförtner des Bochumer Schauspielhauses beklagt sich: „Ich dachte, ich könnte während Leander Haußmanns Intendanz eine ruhige Kugel schieben, aber Pustekuchen. Bis vier, fünf Uhr ist jede Nacht Betrieb in der Kantine. In der letzten Stunde muss ich noch einen Rundgang machen, bei dem ich nicht selten in Haußmanns Büro den Flipper und den Sender Viva im Fernsehen ausschalten muss.“

Das wäre allenfalls arbeitsrechtlich relevant und vermutlich leichter im Gespräch mit dem Intendanten Haußmann zu klären. Doch es folgt eine Bitte: „Ich krieg meinen zweiten Roman so nicht auf die Reihe. Nun müssen Sie einspringen. Sie verleihen doch alle zwei Jahre den Peter-Weiss-Preis. Ich glaube, diesmal habe ich ihn verdient, weil ich mich als Künstler mehr als die bisherigen Preisträger um Bochum gekümmert habe.“ Eine Antwort hat der 1952 in Bochum geborene Welt nicht bekommen. Ebensowenig den Peter-Weiss-Preis, mit dem 1996 der bildende Künstler Jochen Gerz ausgezeichnet worden ist.

„Etwa zwei Jahre nach unserer ersten Begegnung machte mir Sabine am Telefon Aussicht auf einen Fick, allerdings nicht mit ihr selber, sondern mit ihrer jüngeren Schwester.“ So beginnt 1986 Welts Roman-Debüt „Peggy Sue“. Und so ähnlich geht es in „Peggy Sue“ auch weiter: Damit, dass Welt zwanghaft daran denken muss, alle möglichen Frauen flach zu legen. Sie heißen Ute, Barbara oder Christiane, haben mal große, mal kleine Brüste und in den Augen ihres interessierten Betrachters fast immer einen unattraktiven, langweiligen Freund. „Oversexed and underfucked“ wurde das in einer Rezension mal genannt. Fast protokollarisch notiert Welt in „Peggy Sue“ das, was er in seinem anderen Leben, am Beginn einer viel versprechenden Karriere als Popschreiber erlebt hat. Schnell arbeitet er sich Anfang der 1980er als deutscher Hunter S. Thompson vom Ruhrgebietsmagazin „Marabo“ zu den überregionalen Musikmagazinen hoch, mit rücksichtslosen, provokanten Reportagen und Rezensionen.

Doch der Name Wolfgang Welt bleibt nur für kurze Zeit eine popjournalistische Marke. Vom Schreiben konnte Welt selbst auf dem Höhepunkt seiner kurzen Karriere kaum leben, weshalb er auch schnell wieder bei den Eltern einzieht. Er reist nach Amsterdam, um Lou Reed zu interviewen und hängt am Wochenende auf dem Fußballplatz des SUS Wilhelmshöhe in Bochum herum. Und obwohl Welt seinem ungesunden Lebenswandel sei Dank eigentlich genau so ist, wie die Musikindustrie ihre Helden am liebsten sieht, hat der Leser immer das seltsame Gefühl, dass Welt in dieser Branche eigentlich nur auf Abruf zu Gast ist. Ein Gast, auf den bei Rückkehr Mutters selbst gebackener Geburtstagskuchen wartet.

Bis Welt sich ein paar Tage lang im Januar 1983 wahlweise für J. R. Ewing oder Bertolt Brecht hält, in einem Klavier nach Köln flüchten will, in einer Tchibo-Filiale randaliert und in eine psychiatrische Klinik eingeliefert wird. Zwei Monaten später wird Welt als nicht geheilt entlassen. Die behandelnde Ärztin gibt ihm die Empfehlung mit auf den Weg, die Geschichte seiner Manie aufzuschreiben. In seiner Bochumer Elternhausmansarde tippt er vor den Nachtpförtner-Schichten seine Lebensgeschichte runter. Da ist es nur konsequent, dass die Ablehnung von „Peggy Sue“ durch den Verlag Kiepenheuer & Witsch dann auch beides betriff, das Buch und den Menschen. Der Text sei genau so armselig wie das Leben, das er führe. Das bescheinigt ihm ausgerechnet die Lektorin Rolf Dieter Brinkmanns.

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