Das Cover ist quietschbunt. Darauf finden sich neben den üblichen Angaben wie Titel („Mai, Juni, Juli“), Autor (Joachim Lottmann) und Gattungsbezeichnung (Ein Roman) auch ein paar Angaben darüber, was der interessierte Leser auf keinen Fall erwarten sollte. Eine ganze Menge: Kein Sex, keine verdammt gute Literatur, keine Monomanie, kein Tiefgang, kein Vergangenheitsbewältigungsmist, auch kein Avantgarde-Scheiß und und und.
Worum aber geht’s in „Mai, Juni, Juli“? Darum, dass nichts geht. Um einen Schriftsteller, der von Hamburg nach Köln kommt und für einen dort ansässigen Verlag unbedingt ein Buch schreiben muss. Der Verleger möchte eine „Sache mit Biss“, der Autor aber bringt nichts zu Papier. Am Ende dieses Buches, dessen gefühlte Stimmung die eines einzigen heißen Kölner Sommertags ist, fragt der Ich-Erzähler: „Wozu war ein Buch da, wenn man nicht nach der ersten halben Seite Lust bekam, nach draußen zu rennen und es dem Buch gleichzutun?“ Fünf Seiten später ist der Roman zu Ende. So wie fast auch die Karriere Joachim Lottmanns, noch ehe sie richtig in Schwung kommt.
„Von Anfang an bestand der Trick darin, sich so extrem eng und hyperreal an die Wirklichkeit zu halten, dass jeder dachte, es sei einfach nicht wahr. Dieses beschriebene Leben war zu gut, zu aufregend, zu sexy, als dass es wahr sein konnte“, schreibt der 1956 in Hamburg geborene Joachim Lottmann später, als er auf die Rezeption von „Mai, Juni, Juli“ zurückblickt. Komischerweise wurde ihm nicht die unglaubliche, weil nicht vorhandene Sexyness des "beschriebenen Lebens“ zum Problem, sondern – ganz im Gegenteil – die gezielte Indiskretion, mit der er den Kulturbetrieb vorführt. Denn nachdem er erste Auszüge aus seinem angekündigten, nie erschienenen Schlüsselroman über die Kölner Kunstszene, „Die Frauen, die Kunst und der Staat“, veröffentlicht, wird er zur unerwünschten Person erklärt. Martin Kippenberger habe damals eine „Fatwa“ gegen ihn verhängt. Sagt Lottmann. Die Intellektuellen meiden seine Partys und der reale Kölner Verleger seine Manuskripte, heißt es. Von denen gibt es reichlich, zwischen zwanzig und fünfzig schon zu dieser Zeit. Genaueres lässt sich kaum sagen, denn die Zahl ist, je nachdem, wann und von wem diese Geschichte erzählt wird, beträchtlichen Schwankungen unterworfen. Was auch zeigt, dass Joachim Lottmann sich überaus erfolgreich als Legende aufgebaut hat.
Selbst der in Lottmanns lockerer Handhabung von Fakten und Fiktionen geschulte Leser wird in all dem nicht nur eine gekonnt zusammen gebastelte Verschwörungstheorie sehen dürfen. Tatsächlich dauert es einige Jahre, nämlich bis 2004, bis der Verlag Kiepenheuer & Witsch wieder einen Lottmann-Roman veröffentlicht: „Die Jugend von heute“. Zwischendurch verschwindet Lottmann weitgehend aus dem Wahrnehmungsbereich der literarischen Öffentlichkeit, zieht ein paar Mal um und schließlich mit einem Stipendium nach Berlin. Vermutlich sind in dieser Zeit zahlreiche Romane entstanden, einer davon wurde 1999 auch veröffentlicht: „Deutsche Einheit“, in dem Lottmann Christian Kracht zu seinem Schutzpatron erklärt und so um die verspätete Aufnahme in den eigentlich schon geschlossenen Club der Pop-Literaten wirbt.
Schwer zu sagen wann, aber Lottmann hat den maroden Pop-Laden dann einfach übernommen. Der Internet-Enzyklopädie Wikipedia galt er vor ein paar Jahren als einer der „Urväter der deutschen Pop-Literatur“, Christian Kracht als sein Epigone. Das hingekriegt zu haben ist zweifellos ein Geniestreich. Selbst wenn Lottmann mittlerweile nur noch als „exponierter Vertreter” dieser Art geführt wird.
Im Juli 2003 verabschiedete sich Lottmann dann mit einer „letzten langen Nacht der Popliteratur“ vorläufig von der Showbühne. Christian Kracht, Benjamin von Stuckrad-Barre, Alexa Hennig von Lange waren dazu geladen. Erwähnenswert ist das deshalb, weil es den Organisatoren des Abends gelang, diese absurde Gästeliste als Ankündigung in Berliner Zeitungen zu platzieren. Erschienen sind dann Wolfgang Herrndorf und Sven Lager. Joachim Lottmann trug an diesem Abend ein schwarzes T-Shirt, auf dem „Erfolgsautor“ stand. Und sagte: „Der Spagat zwischen jungen Menschen und mir ist mittlerweile zu groß geworden, sodass es durchaus Sinn macht, nunmehr ein Seniorenprogramm aufzulegen.“