1976 - Die Mülheimer Theatertage werden gegründet

Das Festival ist einmalig in der deutschsprachigen Theaterlandschaft. Die 1976 gegründeten Mülheimer Theatertage beschäftigen sich, wie ihr zweiter Name knapp sagt, mit „stücken“, weniger mit deren Inszenierungen. Die Regiehandschrift steht hinter der Signatur des Autors zurück. Das ist, zumal im Land des viel bewunderten und geschmähten Regietheaters, etwas Besonderes. Allerdings führt es auch gelegentlich zu solch kuriosen Entscheidungen, die Uraufführung eines Dramas nicht einzuladen, weil sie dem Werk nicht angemessen sei. Dann reist das Stück auch schon mal im folgenden Jahr in einer anderen Inszenierung nach Mülheim an.

Jeweils im Mai/Juni finden die Theatertage statt, die als vom Land Nordrhein-Westfalen und der Stadt an der Ruhr getragene Initiative ein bemerkenswertes Förderinstrument für Gegenwartsdramatik darstellen und zugleich ein Seismograph aktueller Strömungen sind. Geboten werden sieben bis acht neue Stücke der vergangenen Saison, zumeist in deren Uraufführung.

Die Auswahl trifft ein aus Theaterkritikern bestehendes, unabhängiges Gremium. Eine zweite Jury aus fünf Theaterschaffenden, Kritikern und Dramatikern vergibt am Ende des Festivals den angesehenen, mit 15.000 Euro dotierten Mülheimer Dramatikerpreis. Hinzu kommt der undotierte „Publikumspreis der Mülheimer Theatertage“, ermittelt durch Stimmkarten, die im Anschluss an die Veranstaltungen gesammelt werden.

Eine weitere Besonderheit sind die öffentlichen Diskussionen um die Stücke und hier besonders die Schlussrunde, die den Gewinner ermittelt und nicht selten bis in die Nachtstunden hinein dauert. Wie Bewertungskriterien offen gelegt, Urteile begründet und abgewiesen, um das Für und Wider gestritten werden, ist ein praktisches Lehrbeispiel  angewandter Theatertheorie.

Seit 1992 leitet Udo Balzer-Reher – zugleich Chef des Theaterbüros im Kulturbetrieb Mülheim –  umsichtig, kompetent und uneitel das Festival. Er und sein Team bilden das Organisationszentrum, um  Theater, Verlage, Spielorte und Gäste zu disponieren und zu koordinieren. Denn ab der Nominierung im März bleiben nur zwei Monate, bis die „stücke“ über die Bühne in der Stadthalle oder im Ringlokschuppen gehen.

Die Liste der Gewinner des Mülheimer Theaterpreises liest sich wie  ein Lexikon der deutschsprachigen Dramatik der jüngsten drei Jahrzehnte. Die Namen reichen vom ersten Preisträger Franz Xaver Kroetz mit seinem sozial motivierten Volkstheater zu den Sprachdichtern und Lautpoeten Herbert Achternbusch, Ernst Jandl, Werner Schwab und der dreimal gekürten Elfriede Jelinek (zuletzt 2009). Es tritt der eherne Geschichtspessimist Heiner Müller neben den jüdischen Humoristen George Tabori und den Chronisten der Bundesrepublik, Botho Strauß. Man findet Positionen wie den großen Solisten Einar Schleef, den mythischen Erzähler Tankred Dorst, den Sonderfall Volker Ludwig (für sein politisches Berliner „Linie 1“-Musical),  den musikalischen Hirnakrobaten Rainald Goetz und die dunkelsprachige Dea Loher.

Mülheim hat immer auch Tendenzen dramatischer Entwicklung begleitet: zuletzt etwa mit dem produktiven René Pollesch und seinen Dekonstruktionen des Individuums in der rasenden Gegenwart sowie mit der Gruppe „Rimini Protokoll“, deren Kollektiv ein Real-Theater mit „Experten des Alltags“ etabliert hat. 

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