1972 – Heinrich Böll erhält den Nobelpreis

Am 20. Dezember 1972 nimmt Heinrich Böll in Stockholm den Nobelpreis für Literatur entgegen – als erster (west)deutscher Staatsbürger nach 1945. Damit wird vor allem sein literarisches Werk geehrt, von den Kurzgeschichten der so genannten „Stunde Null“ bis zum kurz zuvor erschienenen Roman „Gruppenbild mit Dame“ (1971). Darin hatte Böll versucht, „das Schicksal einer deutschen Frau von etwa Ende Vierzig zu beschreiben oder zu schreiben, die die ganze Last dieser Geschichte zwischen 1922 und 1970 mit und auf sich genommen hat“. Vielen Lesern und Kritikern gilt dieser Roman als Bölls erzählerisches Meisterwerk. Unbestritten ist jedenfalls sein Rang als großer deutscher Geschichtsroman.

Zugleich aber wird mit der Preisverleihung Bölls publizistisches und öffentliches Wirken in der Bundesrepublik und über ihre Grenzen hinaus gewürdigt, seine Rolle als Präsident des internationalen Schriftstellerverbandes PEN, sein Bemühen um Verständigung mit den osteuropäischen Nachbarn und mit Israel. Damit steht Bölls Auszeichnung in enger Nachbarschaft zum Friedensnobelpreis, den der deutsche Bundeskanzler Willy Brandt – immer wieder auch ein Gesprächspartner Bölls – schon 1971 mit Blick auf seine Neue Ostpolitik erhalten hatte.

Die ehrenvolle Würdigung des Autors Böll gerät jedoch schon im gleichen Jahr in schwere politische Turbulenzen, die ihn als öffentliche Figur wie auch als Privatperson betreffen. In einem politischen Klima, das durch erste Terroraktionen der „Rote Armee Fraktion“ und durch massive staatliche Gegengewalt geprägt war, versuchte Böll mit einem Artikel im „Spiegel“ zur Deeskalation beizutragen, indem er die Kategorie der „Gnade“ (für einzelne Gewalttäter) in die Diskussion einführte. Damit wird er jedoch zur Zielscheibe vieler Kritiker, insbesondere auch der „Bild“-Zeitung und anderer Blätter des Axel Springer-Verlags.

Diese Kontroversen, in denen Böll auch von führenden Politikern schnell und grob verfälschend als „Sympathisant“ des linken Terrors diffamiert wird, verarbeitet er seinerseits wiederum literarisch. Die Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1974) demonstriert an einem erfundenen und „unpolitischen“ Fall, „wie Gewalt entsteht und wohin sie führen kann“, insbesondere die Eskalation von Pressemacht und individueller Gewalt. Da die Kritik an der Springer-Presse auch in der fiktionalen Einkleidung deutlich bleibt, verschärften sich die Kontroversen, auch in Form langwieriger juristischer Auseinandersetzungen.

Persönlich haben diese Kontroversen zweifellos zu einer zunehmenden Verdüsterung von Bölls Sicht auf die bundesdeutsche Gesellschaft beigetragen, die sich auch in seinen letzten Romanen der 80er Jahre ausdrückt. Grundsätzlich zeigen sie, dass die Rolle des intervenierenden, sich in die gesellschaftlichen Fragen der Gegenwart einmischenden Schriftstellers, des „öffentlichen Intellektuellen“, keine beliebige Haltung war, sondern ernste persönliche Konsequenzen hatte. Böll hat diese Rolle nicht gesucht, aber im Laufe der Zeit akzeptiert und vielleicht als letzter gespielt. Doch all das war wohl nicht vorauszusehen, als Böll im Dezember 1972 den Nobelpreis entgegennahm und seinen Dank aussprach „für diese Ehre, die wohl nicht nur mir gilt, auch der Sprache, in der ich mich ausdrücke, und dem Land, dessen Bürger ich bin“.

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