1959 – Eröffnung des Theaters Gelsenkirchen

Eine Stadt spielt Stadt. Das ist das Schauspiel, das im Musiktheater im Revier Abend für Abend mit jeder Aufführung auf der Bühne steht. Schau-Spiel im Wortsinn. Erst bei künstlichem Licht beginnt es sich zu entfalten und sich nach außen hin mitzuteilen. Dann öffnet sich der große, kubusförmige Baukörper zur Stadt, in der er so platziert wurde, dass er die Schnittstelle zweier damals noch offener Achsen besetzt. Durch die gläserne Hauptfassade scheint sich der Vorplatz in das weiträumige, von den Treppenaufgängen umspielte Foyer zu verlängern. Das Haus wird zum Schaufenster, durch das das Publikum zu sehen ist – und sich zusehen lässt. Der Mann auf der Straße kann sich gleichsam selbst in gehobener Stimmung beobachten.

Lichter der Großstadt, Zelle der Urbanität – fast singulär damals fürs Ruhrgebiet. Es gehört in die Rubrik „ausgleichende Gerechtigkeit“ der westdeutschen Nachkriegsarchitektur, dass das schönste, großzügigste und eleganteste Theater, das in den 50er Jahren gebaut wurde, in einer Stadt steht, die damals von Kohle und Stahl bestimmt war und bis heute „nur“ ein polyzentrisches Siedlungsgebilde ist: Gelsenkirchen. Den Wettbewerb damals hatte 1954 das Architektenteam Harald Deilmann, Ortwin Rave, Max von Hausen und Werner Ruhnau gewonnen, das zuvor beim Theater in Münster zusammengearbeitet hatte. Werner Ruhnau übernahm die Federführung und richtete nach mittelalterlichem Vorbild vor Ort eine Bauhütte ein.

Nachhaltig beeinflusst von Ludwig Mies van der Rohes nicht realisiertem Entwurf für das Nationaltheater Mannheim (1952), wurde das Ensemble als Teil des öffentlichen Raums verstanden: Wie großartig das gelang, davon vermitteln Fotografien des am 15. Dezember 1959 eröffneten Hauses bis heute einen starken Eindruck. Fast auf den Tag genau 38 Jahre später, am 16. Dezember 1997, hat die Revierstadt ihr bestes Stück in die Denkmalliste eingetragen: „Das Gebäude ist bedeutend für die Stadt Gelsenkirchen, weil es ein herausragendes Zeugnis für den Wiederaufbau der Zeit nach 1945 und das kulturelle Leben der Nachkriegszeit ist“, lautet ein zentraler Satz der Begründung.

Welch graue Verwaltungssprache für dieses genuine, sachlich-festliche Gesamtkunstwerk, das die Aufbruchsstimmung einer ganzen Generation artikuliert. Robert Adams und Jean Tinguely, Norbert Kricke und Paul Dierkes, vor allem aber Yves Klein haben daran mitgewirkt. Seine monochromen Schwammreliefs und seitlichen Tafelbilder halten das Foyer zusammen: Ihr Ultramarin leuchtet kräftiger als das Blau der Trikots von Schalke 04. Was das neue Theater für die Stadt bedeutete, darüber geriet unübertrefflich Albert Schulze Vellinghausen in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ ins Schwärmen: „Der Mantel macht den Herzog. Solch ein exemplarisches Stück heutiger Baugesinnung stellt automatisch äußerste Ansprüche einer besonderen Konsequenz. Da nicht nachzuhinken bedeutet nun für die Leitung solch eines Hauses eine nahezu gewaltsame Selbstbesinnung auf das, was ‚Theater’ heute ist.“

Im Jahr 1966 wurde das Schauspiel aufgegeben, ein Jahr später das Theater in „Musiktheater im Revier“ umbenannt. An seinem 50. Geburtstag, am 15. Dezember 2009, wurde das Haus mit einer Gala wiedereröffnet: In sieben Monaten ist das Gebäude generalsaniert und die Saaldecke um sechs Meter angehoben worden, damit das Auditorium auch den akustischen Anforderungen von Symphoniekonzerten genügt.

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