„Eine Lokomotive, die Dampf ablässt, das Trillern eines Weckers, Explosionen aller Art, Sirenenheulen, Kichern, Scharren, Gebell erregen Unmut und Ärgernis oder reizen die Lachmuskeln unwiderstehlich.“ Wer am 2. Juni 1956 den Kölner Stadt-Anzeiger aufschlug, wusste sofort, dass er etwas Spektakuläres verpasst hatte. Denn drei Tage zuvor, am 30. Mai, war die Musik im Kölner Funkhaus des WDR aus ihrem konventionellen Aufführungskorsett ausgebrochen. Das Konzert „Unerhörte Musik“ stellte sieben Komponisten vor, für deren Werke man nicht mehr Interpreten aus Fleisch und Blut benötigte. Stattdessen standen auf dem Podium mannshohe Lautsprecherboxen, und über den Köpfen des Publikums baumelten riesige, spacig anmutende Mehrkanal-Gebilde, aus denen bizarre Frequenzfäden und wilde Ton-Partikel fiepten.
Für einen der Komponisten, der fortan als der Pionier in der elektronischen Musik gelten sollte, war dies Musik, „die wie nichts auf der Welt klingt.“ Um sie zu erzeugen, hatte sich das visionäre Junggenie Karlheinz Stockhausen wie sein Mentor Herbert Eimert und der Altmeister Ernst Krenek monatelang im Kölner Studio für elektronische Musik des WDR verschanzt. In mühevoller Kleinarbeit erfanden sie an den Mischpulten und Tonbandgeräten des Studios neue Musik, die zur „Neuen Musik“ werden sollte.
Für die meisten Ohrenzeugen von einst waren die Ergebnisse eine unerhörte Provokation. Sie reagierten auf diese unsichtbaren und sich im Raum verteilenden Klangfarbenwelten mit Gejohle und Gepfeife. Heute hingegen gilt nicht nur Stockhausens „Gesang der Jünglinge” als Manifest dieser elektrifizierten Aufbruchszeiten. Das 1951 von dem Akustiker Werner Meyer-Eppler, dem Tonmeister Robert Beyer sowie dem Komponisten und Hörfunkredakteur Herbert Eimert gegründete Studio für elektronische Musik des WDR besitzt längst einen legendären Ruf auch unter Rock- und Pop-Musikern. Denn was allein an den Sinus-Generatoren und Ring-Modulatoren an abenteuerlichen Sound-Konstellationen synthetisiert wurde, hat in Deutschland mehrere Musikergenerationen inspiriert. Ob nun die Berliner New Age-Elektroniker Tangerine Dream, das Düsseldorfer Synthie-Pop-Kollektiv Kraftwerk oder die Kölner Krautrock-Urgesteine Can, von denen zwei Musiker bei Stockhausen studiert hatten.
Von 1962 bis 1980 leitete Stockhausen das Kölner Studio für elektronische Musik. In dieser Zeit entstanden weitere, wegweisende Stücke wie „Telemusik“ und „Hymnen“. Auch nach Stockhausens Weggang und dem Umzug in die WDR-eigenen Räume in der Kölner Annostraße behielt das Studio seine magische Anziehungskraft für bedeutende Komponisten elektronischer Musik. Maurico Kagel, Iannis Xenakis und György Ligeti haben seit den 1950er Jahren die Möglichkeiten der elektronischen Klangerzeugung erweitert oder revolutioniert. Schließlich übernahm York Höller von 1990 bis 1999 die Studio-Leitung.
Seit der Schließung dieses musikhistorischen Ortes haben Geräte und Material des elektronischen Studios in einem Keller in Köln-Ossendorf ein leicht beengtes Zuhause gefunden. Dort kümmert sich der Toningenieur Volker Müller rührend um diese wertvollen Schätze der Neuen Musik. Auf Wunsch schaltet er für Besucher und Neugierige die technischen Dinosaurier noch mal an, um mit ihnen eine Klangreise zurück in die Zukunft anzutreten.