Die erste Hauptstadtfrage Nordrhein-Westfalens wurde 1946 recht umstandslos gelöst – in London. Die Briten erfanden nicht nur „Northrhine-Westphalia“, sie dekretierten auch, welches die Kapitale sein solle: Düsseldorf. Deutsche hatten da nichts zu melden, und sie hatten auch andere Sorgen. Später war es für mögliche Konkurrenten zu spät. Mit der zweiten Hauptstadt war es komplizierter.
Die Weichen wurden in der ersten Hauptstadt gestellt. Hermann Wandersleb, damaliger Chef der Düsseldorfer Staatskanzlei, bemühte sich mit Erfolg darum, dass der „Parlamentarische Rat“ seine Beratungen über eine neue Verfassung in Bonn abhielt. Am 1. September 1948 wurde der Rat im Museum König, zwischen ausgestopften Tieren der naturkundlichen Sammlung, feierlich ins Leben gerufen. Noch am selben Tag traf er sich zu seiner konstituierenden Sitzung in der Pädagogischen Akademie, dem späteren Bundestag. Dort fanden auch alle weiteren Treffen der „Verfassungsväter“ statt. Das musste noch nichts heißen - schließlich hatten zuvor andere vorbereitende Gremien in Orten wie Koblenz und Herrenchiemsee getagt.
Dennoch wurde schon wenig später im Düssseldorfer Kabinett über Bonn als Bundeshauptstadt gesprochen. Das war ziemlich keck. Schließlich war von vielen möglichen und unmöglichen Bewerbern noch ein Gegner übriggeblieben, den alle für den stärksten hielten: Frankfurt. Es hatte die passende Geschichte und war eine richtige Stadt. Und in der IG-Farben-Zentrale saßen die amerikanischen Besatzer. Das alles sprach für Frankfurt – aber auch dagegen. Nicht zuletzt, weil es ja um ein Provisorium gehen sollte, keinen dauerhaften Ersatz für Berlin. Da war das provinzielle Bonn glaubwürdiger. Außerdem war es weniger zerstört, und man bemühte sich dort sehr um das Wohlergehen der beratenden Verfassungsväter.
Die Legende will es, dass Konrad Adenauer als Präsident des Parlamentarischen Rates die Entscheidung für Bonn von vornherein und allein eingefädelt habe – weil er überzeugter Rheinländer war und nur ein paar Minuten von Bonn in Rhöndorf wohnte. So einfach war es nicht. Aber es hat Bonn nicht geschadet, dass der alte Indianer sich bald für die Idee erwärmte, die Hauptstadt in der Nähe seines Wigwams zu installieren. Trotzdem hatte Frankfurt vor der Abstimmung im Parlamentarischen Rat am 10. Mai 1949 die besseren Karten: alle Stimmen der SPD und einige der hessischen CDU. Da lancierte Adenauer eine dubiose Pressemeldung über die angebliche Siegesstimmung in der SPD. Die Stimmung in der Hessen-CDU kippte, und Bonn machte das Rennen. Am 3. November entschied der neue Bundestag noch einmal – und votierte wieder knapp für Bonn.
Nun hatte NRW für 41 Jahre zwei Hauptstädte in seinen Grenzen. Über Bonn wurde viel gespottet („halb so groß wie der Friedhof von Chicago, dafür doppelt so tot“), aber den Charakter des Provisoriums legte die Stadt nach und nach ab. Dann fiel 1989 die Mauer. Ein Jahr später war Berlin Bundeshauptstadt, und 1999 zog auch die Regierung vom Rhein an die Spree. Heute erscheint die Zeit der rheinischen Republik wie eine lang vergangene Episode.


