„Der Westen leuchtet“ in Bonn

Spätestens seit den Neunzigern ist der Bedeutungsverlust des Rheinlands als Kunststandort nicht mehr zu übersehen. Die Abwanderung von Galerien und Künstlern nach Berlin macht der Szene nach wie vor zu schaffen. Bonn kontert nun mit einer rheinischen Leistungsschau und titelt allem Gejammer zum Trotz „Der Westen leuchtet“.
 
Man nimmt die Sache wichtig: Axel Schultes’ schönes Haus an der Museumsmeile wurde praktisch komplett ausgeräumt, um auf 3500 Quadratmetern Platz zu machen für 33 rheinische Künstler – alte bekannte und jüngere unbekannte. Nachdem im Erdgeschoss Beuys, Palermo, Knoebel, Polke und Richter  das historische Fundament gelegt haben, breitet sich oben das aktuelle Panorama aus. Ohne Platznot. Im Gegenteil: Jeder Künstler inszeniert sich im großzügigen Einzelzimmer.
 
Stark ist Marcel Odenbach, der einen 15 Meter langen Palmenfries beisteuert. Erst bei näherem Hinsehen erkennt man in den Blättern eine Fotocollage, in der sich afrikanische Schicksale widerspiegeln. Thomas Schütte möbliert und tapeziert seinen Saal im persönlichen Design. Und Andreas Gursky füllt die eigenen vier Wände mit sechs Quadratmeter großen Exemplaren seiner aktuellen Ozean-Serie, für die er Satellitenaufnahmen gekauft und anschließend am Computer montiert hat. Das Ergebnis zeigt Landmassen rings umher und mitten drin das blaue Meer.
 
Natürlich wäre es abwegig, eine Ausstellung, die den lichtvollen Westen bejubelt, allein mit daheim gebliebener Prominenz zu bestücken, deren Aufstieg sich im Rheinland der siebziger und achtziger Jahre abgespielt hat – zu einer Zeit also, als sich die Region noch als internationaler Dreh- und Angelpunkt der Kunstwelt fühlen durfte.
 
Wesentlicher scheint doch der Nachwuchs. Umso mehr könnte die Bonner Entscheidung überraschen, die Auswahl hier aus der Hand zu geben. Nicht die Kuratoren hatten das Wort, sondern die Künstler selbst. Jeder der Älteren durfte einen jüngeren Favoriten mitbringen. Ein Verfahren, das unbestreitbare Vorzüge hat und Überraschungen möglich macht – auf der anderen Seite der Schau aber auch einige Ungereimtheiten beschert.
 
So hat manch ein vermeintlich „junger“ Künstler das Patenkind-Alter längst überschritten oder sitzt seit Jahren schon in Berlin. Auch kommen gegenüber den reichlich vertretenen Bildhauern junge Maler und Videokünstler zu kurz auf dem Parcours.
 
Wer über die Schwächen hinwegschaut, kann aber durchaus Gefallen daran finden, den einzelnen Paarungen nachzugehen. Auf den ersten Blick erstaunlich wirkt etwa, wenn das Ehepaar Blume, bekannt durch seinen anarchischen Umgang mit dem Alltag, in Martina Debus eine eher spröde arbeitende Konzeptkünstlerin für den Auftritt in Bonn aussucht. Gegensätze ziehen offenbar ebenfalls den wilden „bad painter“ Albert Oehlen an, der Thomas Arnolds mit absolut aufgeräumten gelb-rot-blauen Setzkastenmalereien ins Kunstmuseum holt.
 
Interessant auch Jürgen Klaukes Auftritt. Der Performance-Künstler und Provokateur ist lange schon Professor an der Kölner Kunsthochschule für Medien. In Bonn präsentiert er unter dem Titel „Wackelkontakt“ Fotoarbeiten, die mit den Motiven Kabel und Steckdose umgehen. Dazu lädt er seinen Schüler Christian Keinstar, der wie Klauke selbst die Extreme liebt: Mit einer Installation aus großen Bauschuttbrocken mit glühenden Heizdrähten trieb der 35-jährige Radikal-Künstler Aufbauteam wie Sicherheitsleute in Bonn an ihre Grenzen.
 
Solch spannende Neuigkeiten könnte die Schau mehr gebrauchen. Sicher trägt nicht zuletzt das Patenprinzip Schuld daran, dass einige richtig gute Nachwuchskünstler in Bonn fehlen. Sie hätten die Strahlkraft des Westens befördert - und auch der Ausstellung gut getan.

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