Ausstellung „Ruhrblicke“ in Essen

Achtung! Lassen Sie sich bitte nicht ablenken durch das, was es an den Wänden zu sehen gibt. Denn dort hängen keine Bilder. Dennoch wird Spektakuläres geboten: 134 Fenster mit sauber quadratisch gerahmten Ruhrgebietsansichten. Zu sehen ist, was diese Region einmal war, was sie gegenwärtig ist und was sie sein möchte. Am Horizont zeichnet sich die Skyline des Essener Zentrums ab, zu Füßen liegt dem Betrachter das Weltkulturerbe Zeche Zollverein und drum herum erstreckt sich ein Stadtteil, in dem die Mieten niedrig sind und die Veränderungslust groß ist.

Diese faszinierenden Ausblicke wollen erst mal überboten werden. Es ist zugleich reizvoll und doch nicht leicht, das SANAA-Gebäude auf dem Weltkulturerbe Zollverein mit einer Fotografie-Ausstellung zu bespielen. Denn ursprünglich wurde der Kubus von den japanischen Architekten Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa als Hochschulgebäude konzipiert. Das Licht ist alles andere als ideal, und an die Wände hängen darf man da auch nichts, weshalb für die „Ruhrblicke“ eigens Ausstellungsräume in den Riesenwürfel gebaut worden sind. Elf abgetrennte Bereiche, für jeden der teilnehmenden Fotografen eine eigene Einheit.

Gezeigt werden Vertreter der konzeptuellen Dokumentarfotografie, Künstler verschiedener Generationen, die sich einen sehr individuellen Zugriff auf die Wirklichkeit erarbeitet haben. Mit Hilla Becher, Laurenz Berges, Andreas Gursky, Candida Höfer, Matthias Koch, Jörg Sasse und Thomas Struth kommen mehr als die Hälfte aus dem Umfeld der renommierten Düsseldorfer Fotoklasse, zudem hat Kurator Thomas Weski Joachim Brohm, Hans-Peter Feldmann, Jitka Hanzlová und Elisabeth Neudörfl einen „Auftrag zum Selbstauftrag“ erteilt. Denn inhaltlich eingegrenzt wurde dieser Auftrag allein geografisch: die Bilder, die es zu machen galt, sollten im Ruhrgebiet aufgenommen werden. Alles andere wurde den Künstlern überlassen. Eine reizvolle und doch nicht einfache Aufgabe, wenn man bedenkt, wie fixiert das öffentliche Bild des Reviers durch Werksfotografie und Auftragsarbeiten im Dienste der Imagepolitur ist. Rauchende Schlote, glühender Stahl, hart arbeitende Männer, einfache, aber freundliche Menschen. Derartige folkloristische Aufnahmen stehen bis heute für das Ruhrgebiet neben neueren, nicht weniger harmonisierenden Bildern von effektvoll in Szene gesetzter Industriekultur.

Für solche Ansichten fühlen sich die beteiligten Fotografen natürlich nicht zuständig. Wenngleich einige thematisch an diese Tradition der Ruhrgebietsfotografie anknüpfen. Am deutlichsten der 1967 geborene Matthias Koch, der mit seinen Bildern die Gegenwart geschichtsträchtiger Orte auf ihre Vergangenheit hin durchlässig zu machen versucht – eine Art archäologische Fotografie. Dafür ist er aktuelle wie stillgelegte Orte schwerindustrieller Produktion mit einem umgebauten Feuerwehrwagen abgefahren, an dessen Leiter er seine Kamera befestigt hat. Von diesem erhöhten Standort aus hat er die Schlacke-Abschüttung bei Thyssen-Krupp in Duisburg oder die verbliebenen Fundamente der nach China verkauften Westfalenhütte in Dortmund aufgenommen.

Auch der 1954 geborene Thomas Struth hat seine Plattenkamera noch einmal bei Thyssen-Krupp im Duisburger Stahlwerk aufgestellt, um eine Walzmaschine zu fotografieren. In seinen Aufnahmen werden hochtechnologische Apparaturen zu Wimmelbildern, in denen man das Ganze der Maschine vor lauter Kabeln, Schläuchen und Messinstrumenten nicht mehr sieht. Erstmals ausgestellte Bilder einer neuen Werkgruppe Struths, die dem Betrachter durch ihre Komplexität ein aufmerksames Studium abverlangen. Andreas Gursky ist bei der Motivsuche hingegen im eigenen Archiv fündig geworden und zeigt unter anderem das bereits 2008 entstandene Bild „Hamm, Bergwerk Ost“: ein Blick an die Decke der Waschkaue, an der mit Arbeitsklamotten vollgestopfte Körbe hängen, die Gurskys Inszenierung zu einem düsteren, montanindustriellen Denkmal arrangiert.

Andere Fotografen haben sich hingegen dem Verfall und den verblassenden Spuren vergangenen Lebens im Revier gewidmet. So der 1955 geborene Joachim Brohm, der sich – angeregt durch die neue amerikanische Landschaftsfotografie der 1970er Jahre – bereits vor drei Jahrzehnten mit der Zersiedelung des Reviers und seinen trostlosen Freizeitorten beschäftigt hat. Für die „Ruhrblicke“ ist Brohm noch einmal auf den Almaring zurückgekehrt; eine stillgelegte Speedwaystrecke auf der ehemaligen Zeche Alma, wo sich die Natur langsam die funktionslose Anlage zurückerobert. Dort hat Brohm Aufnahmen des porösen Asphalts, von zurückgelassenen Reifen und überwucherten Wegen gemacht, in denen sich sommerlich-stille Traurigkeit eingelagert hat und so ein sehr zeitgemäßes Ruhrgebietsgefühl festgehalten.

Auch der Becher-Meisterschüler Laurenz Berges, 1966 geboren, begibt sich mit seinen trostlos schönen Bildern auf die Suche nach den Resten vergangenen Lebens. Er hat in leer stehenden Häusern fotografiert, was nicht mehr ist, indem er Relikte dessen ins Bild setzt, was einmal war: verfärbte, eingerissene Tapeten, vernagelte Fenster, eine verrußte Küche.

Ungewöhnliche, mal verstörende, mal sehr traurige, häufig kluge, auch überwältigende Bilder hat die Ausstellung „Ruhrblicke“ zutage gefördert. Mehr noch aber als neue Ansichten der Ruhr-Realität bietet sie einen Einblick in den Stand der Dinge in Sachen künstlerischer Dokumentarfotografie. Denn die Aufnahmen, die die Beteiligten im Revier gemacht haben, sind ja nicht zuletzt auch dem eigenen Werk verpflichtet. Alles andere wäre bloß Auftragsarbeit.

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