Ai Weiwei in Duisburg

Er ist bekannt als Medienstar und mutiger Regimekritiker, als Opfer prügelnder Polizisten und Initiator spektakulärer Kunstaktionen. Ai Weiwei: Chinas international wohl prominentester Künstler. Als Person ist Ai Weiwei ständig präsent. Selten bemüht man sich dagegen um tiefere Einsicht in sein Schaffen - seine Grundlagen, seine Entwicklung, seine stilleren Seiten.

Genervt vom Rummel um Ai Weiwei hat Roger M. Buergel sich deshalb vorgenommen, nun einmal einen etwas anderen Auftritt für den Künstler zu arrangieren und verneint schon im Titel der Duisburger Ausstellung jegliche Sensation: „Barely Something“, „Kaum etwas“ heißt die kleine Retrospektive im privaten Museum DKM in Duisburg. Der documtenta-Leiter von 2007 zeigt darin einen leisen Ai Weiwei. Stiller als damals bei Buergels documenta, wo der Künstler 1001 Chinesen nach Kassel einfliegen ließ. Viel zurückhaltender auch als beim Großauftritt unlängst in München, wo Ai Weiwei die Fassade am Haus der Kunst mit 9000 bunten Rucksäcken pflasterte - in Erinnerung an Tausende von Schulkindern, die beim Erdbeben von Sichuan starben.

In Duisburg verzichtet man auf spektakuläre Arbeiten dieser Art. Gezeigt werden wenige Stücke, großzügig verteilt auf die Ausstellungsräume. Dabei fällt der Blick auch zurück auf Ai Weiweis Werdegang. Man erinnert an die wegweisende Zeit im New Yorker Exil. 1986 schuf der Künstler dort sein bisher selten gezeigtes Frühwerk „Five Raincoats Holding up a Star“. Ai Weiwei hat die Bodenskulptur eigens für diese Ausstellung aus dem Fundus gekramt. Während um ihn herum die neoexpressionistische Malerei tobte, betrieb er hier eine Art Privatarchäologie: Zusammengeknöpft und kreisrund ausgebreitet lassen seine Gummimäntel, die damals zum chinesischen Einheitslook gehörten, an ein eintöniges gesellschaftliches Ganzes denken. Dünne Röhren, die in den Ärmeln stecken, formieren sich zum fünfzackigen Stern – nationales Symbol der Volksrepublik China.  

Zwölf Jahre verbrachte Ai Weiwei in New York, hielt sich mit allen möglichen Jobs über Wasser und besuchte, nach eigener Auskunft, jede Ausstellung in der Stadt – Museen und Galerien als Akademie.

Nach seiner Rückkehr ging 1995 die bekannte Performance „Dropping a Han Dynasty Urn“ über die Bühne. Ein Scherbenhaufen und drei Fotos dokumentieren in Duisburg Ai Weiweis Auftritt im Sweatshirt irgendwo draußen vor einer Backsteinmauer: Nummer eins präsentiert den Künstler mit der Urne in den gespreizten Fingern, auf Bild zwei haben sich Ai Weiweis Arme geöffnet, und die antike Keramik findet sich in freiem Fall kurz vor dem Aufprall. Das dritte Foto schließlich zeigt die Scherben zu Füßen des noch immer völlig ungerührten Künstlers, dem bei seiner Vorführung wohl die Zerstörungsorgien der Kulturrevolution durch den Kopf gingen. Als geschichtsträchtige Güter - von der Urne bis zum Tempel – auf Geheiß der kommunistischen Machthaber  massenweise zu Bruch gingen.

Der kritische Geist war dem 1957 in Peking geborenen Sohn eines berühmten Dichters in die Wiege gelegt worden. Ai Weiwei wuchs während der Kulturrevolution in einem Provinznest der Wüste Gobi auf, wo der verbannte Vater statt zu dichten öffentliche Latrinen leeren musste.

Die chinesische Regierung ließ Ai Weiwei lange gewähren – trotz des Aufruhrs, der in seinen Kunstwerken und -aktionen laut wird. Zu handfesten Übergriffen kam es erst 2009, nachdem der Künstler sich auf die Spuren der vielen Kinder begeben hatte, die beim Erdbeben in Sichuan unter den Trümmern wohl schlecht gebauter Schulen zu Tode gekommen waren. Sie seien Opfer von Pfusch und Korruption, so klagte Ai Weiwei und startete gegen den Widerstand der Regierung und mit Hunderten von Helfern seine groß angelegten Recherchen.

Auch davon erzählt die Schau mit einer kleinen, unauffälligen Videoarbeit, die in der Galerie DKM am Duisburger Innenhafen abläuft. Nichts als ein Laptop steht da im Fenster. Auf dem Bildschirm sieht man in Endlosschleife chinesische Schriftzeichen vorbeiziehen – wie beim Abspann eines Films. Es sind 4851 Namen toter Schulkinder – mehr braucht Ai Weiwei nicht für seine Kunst.

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GEMISCHTE TÜTE