Ein Jahr, 3.000 Seiten, keine Absätze – das kommt am Ende dabei heraus, wenn 78 Menschen zwölf Monate lang mietfrei in Straßen in Dortmund, Duisburg und Mülheim wohnen und dafür schreiben müssen. So lautete, grob skizziert, die Verabredung, die Jochen Gerz 2009 mit den Teilnehmern seines im Dezember zu Ende gegangenen Kulturhauptstadtprojektes „2 – 3 Straßen“ getroffen hatte. Als unsichtbare Baumaßnahme an der sozialen Architektur der Viertel war das gedacht. Welche Funktion das gemeinsame Buch dabei haben könnte, schien vielen Betrachtern der „Ausstellung“ – so nannte Gerz die „2 – 3 Straßen“ – nicht klar. Jetzt also liegt der „2 – 3 Straßen TEXT“ vor, und mitgeschrieben haben nicht nur die neuen Mieter, sondern 887 Autoren, Anwohner wie Besucher der Straßen. Entstanden ist ein faszinierendes Buch, eine anonym mehrstimmig rauschende Jahreschronik zwischen verschwitzter Nabelschau, überraschenden Einsichten, wachen Beschreibungen und alltagspraktischen Notaten. Und das Protokoll eines beispiellosen Versuches, das Gerede von der Kreativgesellschaft beim Wort zu nehmen – nicht als Wirtschaftsfaktor, sondern als Lebensform. Denn Jochen Gerz wollte mit den „2 – 3 Straßen“ ja nicht zuletzt den sozialpolitisch vereinnahmten Begriff der Teilhabe in ästhetische Praxis übersetzen; und dabei auch die Frage verhandeln, was die Kunst von der Gesellschaft und die Gesellschaft von der Kunst erwarten darf.
Im Rahmen der Reihe „Literatur im Folkwang“ werden Jochen Gerz und einige der teilgenommenen Autoren das Mammutwerk „2 – 3 Straßen Text“ im Hirschlandsaal des Museums vorstellen. Eine Veranstaltung der Buchhandlung Proust und dem Literaturmagazin „Schreibheft“.
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